
Ein Reformvorschlag für das Strommarktdesign
"Hohe Strompreise sind für Österreich ein doppeltes Problem: Sie schwächen die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und erschweren die Dekarbonisierung", so WIFO-Ökonom und Professor an der Johannes Kepler Universität Linz Bernhard Kasberger. Der Umstieg auf strombasierte Technologien lohnt sich vor allem dann, wenn Strom attraktiv bepreist ist. Das zeigt sich etwa bei Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen: Ist Strom deutlich günstiger als Gas oder Treibstoff, steigt die Bereitschaft zum Umstieg.
Ein wichtiger Grund für hohe Strompreise liegt im Strommarktdesign. In vielen Stunden setzen Gaskraftwerke den Preis auf dem Großhandelsmarkt, weil sie die teuerste noch benötigte Technologie sind, um die Nachfrage zu decken. Ihre Erzeugungskosten hängen stark vom Gaspreis ab, aber auch vom CO2-Preis. Letzterer macht rund ein Drittel der Grenzkosten eines effizienten Gaskraftwerks aus.
Der CO2-Preis ist klimapolitisch sinnvoll: Im EU-Emissionshandel müssen Gas- und Kohlekraftwerke Zertifikate für ihre Emissionen vorweisen. Das verteuert fossile Stromerzeugung und stärkt erneuerbare Energien. Durch die Einheitspreisregel auf dem europäischen Strommarkt steigen dadurch aber auch die Strompreise: Alle eingesetzten Kraftwerke erhalten denselben Preis. Wird dieser von einem Gaskraftwerk bestimmt, profitieren auch Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke, obwohl ihre laufenden Kosten nicht im selben Ausmaß steigen. Für Haushalte und Unternehmen bedeutet das höhere Stromausgaben.
Der WIFO Research Brief schlägt daher eine gezielte Reform vor. Liegt der markträumende Preis über einem Schwellenwert, etwa 100 € je MWh, erhalten erneuerbare Kraftwerke nicht mehr den vollen Marktpreis, sondern den Marktpreis abzüglich eines fixen Abschlags (z. B. 28 € jeMWh). Dieser Abschlag soll den CO2-Kostenanteil im Strompreis abbilden. Die dadurch freiwerdenden Mittel würden an die Stromverbraucher:innen zurückgegeben. Ziel ist es, die Stromkosten zu senken, ohne die CO2-Preisanreize für fossile Kraftwerke aufzuheben.
Für Österreich ergibt eine statische Simulation mit Daten für 2025 eine Verringerung der durchschnittlichen Stromausgaben um rund 8,5%, für Deutschland um rund 4,7%. Damit würde ein Teil der CO2-bedingten Zusatzgewinne nichtfossiler Anlagen an Haushalte und Unternehmen rückverteilt.
Ganz ohne Zielkonflikte kommt der Vorschlag nicht aus: Investitionsanreize für neue Anlagen müssen erhalten bleiben, und ein harter Schwellenwert könnte Fehlanreize setzen. Deshalb diskutiert der Research Brief Ausnahmen für neue Anlagen, eine Förderung über "Contracts for Difference" sowie eine lineare Einschleifung des Abschlags.
"Der Vorschlag greift den CO2-Preis also nicht an. Er versucht vielmehr, seine klimapolitische Wirkung zu erhalten und zugleich die Belastung durch hohe Strompreise abzufedern", so Kasberger.
