Modelle am WIFO

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) verfügt über eine umfassende Modellinfrastruktur, die kontinuierlich weiterentwickelt wird und das Fundament für eine evidenzbasierte wirtschaftswissenschaftliche Analyse bildet. Diese Infrastruktur umfasst ein breites Spektrum quantitativer Ansätze – von makroökonomischen Prognosemodellen und allgemeinen Gleichgewichtsmodellen des Welthandels über dynamische Mikrosimulationsplattformen und Input-Output-Modelle bis hin zu agentenbasierten Systemen – die jeweils auf spezifische Dimensionen wirtschaftspolitischer Fragestellungen zugeschnitten sind. Gemeinsam ermöglichen diese Modelle die Erstellung kurz- und mittelfristiger Prognosen, die Entwicklung langfristiger Projektionen, die Bewertung der verteilungs- und fiskalischen Folgen wirtschaftspolitischer Maßnahmen sowie die Analyse makroökonomischer Auswirkungen von Strukturwandel, demografischen Veränderungen, Klimapolitik und Verschiebungen im globalen Handelsumfeld. Durch den Einsatz unterschiedlicher methodischer Ansätze stellt das WIFO sicher, dass seine Einschätzungen auf einer robusten, transparenten und dem aktuellen Forschungsstand entsprechenden quantitativen Grundlage beruhen.

Agentenbasiertes Modell der österreichischen Wirtschaft
Das makroökonomische agentenbasierte Modell (ABM) simuliert die österreichische Wirtschaft, indem es die Interaktionen heterogener Unternehmen und Haushalte auf der Individualebene abbildet. Das Modell ist anhand mikroökonomischer Daten kalibriert, lockert zentrale Annahmen traditioneller Gleichgewichtsmodelle, etwa repräsentative Agenten und Markträumung, und erfasst endogene Rückkopplungen zwischen individuellen Entscheidungen und makroökonomischen Ergebnissen. Die Granularität des ABM macht es besonders geeignet für die Analyse von Geld-, Fiskal- und Arbeitsmarktpolitik mit Fokus auf Verteilungseffekte sowie regionalen und sektoralen Strukturwandel.
Multinationales ökonometrisches Input-Output-Modell
ADAGIO (A DynAmic Global Input-Output Model) ist ein ökonometrisches Input-Output-Modell für die EU 27 und 15 weitere Länder. Im Kern stehen Aufkommens- und Verwendungstabellen mit 64 Sektoren, die über internationale Handelsmatrizen verknüpft sind. Die Faktornachfrage und Outputpreise werden mittels eines Translog-Modells bestimmt und bilden einen konsistenten Preismechanismus. Das Modell umfasst dynamische Vermögensbildung nach Einkommensquintilen, ein quadratisches AIDS-Konsumnachfragesystem für dauerhafte und nichtdauerhafte Güter sowie detaillierte fiskalische Verflechtungen zwischen Haushalten, Unternehmen und dem Staat.
Prognose österreichischer Treibhausgasemissionen
ALICE (Austrian Laboratory to Investigate Carbon Emissions) ist ein Modell zur Prognose von Treibhausgasemissionen in Österreich. Es verknüpft Wirtschafts-, Energie- und Emissionsdaten auf Basis der offiziellen Energiebilanzen. Das Modell folgt einem dreistufigen Ansatz: Zunächst wird die sektorale Wirtschaftsentwicklung aus der WIFO-Konjunkturprognose abgeleitet, dann wird die Endenergienachfrage unter Berücksichtigung von Energieintensitätstrends und Annahmen zur Elektrifizierung berechnet, schließlich werden CO₂- und Nicht-CO₂-Emissionen mittels Emissionsfaktoren der Treibhausgasinventur ermittelt. ALICE setzt auf Trendfortschreibung statt auf die Analyse von Einzelmaßnahmen.
Langfristige Projektionen für Österreich
Das Austrian Long-run Macroeconomic Model (A-LMM) erstellt langfristige Projektionen der österreichischen Wirtschaft für einen Zeitraum von bis zu 50 Jahren. Das Basisszenario dient als gesamtwirtschaftliche Grundlage für Mikrosimulationsmodelle des österreichischen Pensionssystems. A-LMM ist ein neoklassisches Wachstumsmodell, das demografische Indikatoren zur Bestimmung des Produktivitätswachstums, der IKT-Kapitalakkumulation, der Ersparnisbildung und der Inflationsrate nutzt. Es bildet arbeitssparenden technischen Fortschritt und typische Merkmale wachsender Volkswirtschaften mit alternder Bevölkerung ab. Die jahrgangsspezifischen Erwerbsquoten werden exogen mittels eines dynamischen Kohortenmodells geschätzt.
Regionales Input-Output-Modell der österreichischen Bundesländer
ASCANIO ist ein ökonometrisches Input-Output-Modell der österreichischen Bundesländer, eingebettet in ein multinationales System der EU 27 und 15 weiterer Länder. Das Modell basiert auf Aufkommens- und Verwendungstabellen für 74 Güter und Sektoren sowie sechs Endnachfragekategorien, die über internationale und interregionale Handelsmatrizen verknüpft sind. Die Faktornachfrage und Preise werden mittels einer Translog-Spezifikation geschätzt. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die explizite Modellierung von Pendlerverflechtungen zwischen den Bundesländern sowie regionaler Konsumströme aus Binnentourismus und Einkaufsverkehr. Die Konsumnachfrage wird über ein quadratisches AIDS-Modell abgebildet.
Wirtschaftliche Wirkungsanalyse für Österreich auf Bezirksebene
BERIO ist ein kleinräumiges Input-Output-Modell der österreichischen Wirtschaft auf Bezirksebene. Es unterscheidet 74 Güter und Sektoren sowie sechs Endnachfragekategorien in den 115 österreichischen Bezirken, darunter 23 Wiener Bezirke. Das Modell bildet detaillierte regionale Produktionstechnologien auf Grundlage statistischer Erhebungen und der offiziellen Input-Output-Tabelle ab. Neben interregionalen Vorleistungsverflechtungen modelliert BERIO explizit Pendler:innenströme sowie Konsumströme aus Binnentourismus und Einkaufsverkehr. Zentrale Ergebnisse sind Wertschöpfung und Beschäftigung nach Sektoren und Regionen, aufgegliedert in direkte, indirekte und induzierte Effekte sowie das Aufkommen an Steuern und Abgaben zuzüglich Emissionen.
Klima-Makrodynamik kleiner Inselstaaten
BinD (Binary constrained Disaster) ist ein strukturelles, nachfragegetriebenes makroökonomisches Modell zur Analyse der Auswirkungen des Klimawandels auf kleine Inselentwicklungsstaaten (SIDS) unter Bedingungen finanzieller Verwundbarkeit und Abhängigkeit von Kapitalimporten. Es erweitert den klassischen Drei-Lücken-Ansatz, indem es fiskalpolitische, Ersparnis- und Außenbilanzrestriktionen in ein dynamisches System einbettet. Das Modell zeigt, wie steigende Temperaturen und Extremwetterereignisse den Kapitalverschleiß beschleunigen, die Arbeitsproduktivität senken und externe Finanzierungslücken vergrößern. Ein Zwei-Regime-Mechanismus erfasst Übergänge zwischen nachfragegetriebenem Wachstum und kapazitätsbeschränkten Phasen und verdeutlicht, wie Klimaschäden verwundbare Volkswirtschaften in Pfade niedrigen Wachstums und steigender Verschuldung drängen können.
Cluster dynamischer Faktormodelle für makroökonomische Prognosen
Das Cluster dynamischer Faktormodelle (CDFM) verbindet umfangreiche strukturelle makroökonomische Modelle mit flexiblen kleineren Faktormodellen. Es besteht aus sektorspezifischen dynamischen Faktormodellen, die innerhalb einer Clusterstruktur sequenziell verknüpft sind; die Links werden mittels Granger-Kausalitätstests unter Einsatz klassischer und neuronaler Netzwerkmethoden hergestellt. Das mithilfe eines Kalman-Filters geschätzte CDFM erstellt disaggregierte BIP-Prognosen für die Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsseite der VGR unter Verwendung von Indikatoren mit gemischten Frequenzen auf Monats- und Quartalsbasis. Der Ansatz ermöglicht die Einbeziehung von Expert:inneneinschätzungen und Szenarioanalysen bei hoher Interpretierbarkeit und empirischer Robustheit.
Hybrides Makro-Energie-Emissionsmodell
Das DYNK-Modell (Dynamic New Keynesian Model) ist ein hybrides makroökonomisches Modell, das Elemente ökonometrischer Input-Output- und allgemeiner Gleichgewichtsmodelle verbindet. Es umfasst bis zu 90 Sektoren, ist nachfragegetrieben, berücksichtigt jedoch Arbeitsangebotsbeschränkungen über ein Preissystem mit langfristigem Vollbeschäftigungsgleichgewicht. Die Konsumnachfrage wird über eine Vielzahl von Gütergruppen und Haushaltstypen modelliert. Die sektorale Produktion basiert auf einer Translog-Spezifikation mit endogenen Substitutionselastizitäten. Ein zentrales Element ist die Verknüpfung monetärer Ströme mit physischen Energie- und Treibhausgas-Satellitenkonten zur integrierten Bewertung klima- und energiepolitischer Maßnahmen.
Simulation globaler Handelspolitik
KITE (Kiel Institute Trade Policy Evaluation) ist ein großes allgemeines Gleichgewichtsmodell des Welthandels in der Tradition der neuen quantitativen Handelstheorie. Es simuliert die Reaktion von mehr als 150 Ländern und 65 Sektoren auf handelspolitische Schocks wie Zölle, Handelsabkommen und Sanktionen. Über detaillierte sektorale Vorleistungsverflechtungen ermöglicht das Modell die Analyse von Kaskadeneffekten entlang globaler Wertschöpfungsketten. Konsument:innen und Unternehmen beziehen Güter vom günstigsten Anbieter weltweit unter Berücksichtigung von Handelsbarrieren und Transportkosten. KITE wird regelmäßig aktualisiert und wurde auf EU-Zollstrategien, CO₂-Grenzausgleichsmechanismen und Szenarien der Handelsfragmentierung angewendet.
Mikrosimulation der österreichischen Erwerbsbevölkerung und Sozialsysteme
microDEMS (Demographic Change, Employment and Social Security) ist ein dynamisches Mikrosimulationsmodell zur Analyse der Nachhaltigkeit und Angemessenheit des österreichischen Wohlfahrtsstaates sowie der künftigen Zusammensetzung von Bevölkerung und Erwerbsbevölkerung. Es basiert auf detaillierten administrativen Beschäftigungsdaten und bildet institutionelle Rahmenbedingungen wie Pensionsregelungen und das Bildungssystem ab. Das Modell simuliert demografische Projektionen im Einklang mit offiziellen Prognosen, ergänzt um bildungsspezifische Fertilitäts- und Mortalitätsunterschiede. Kernprozesse umfassen Bildungskarrieren unter Berücksichtigung von Migrations- und Elternhintergrund sowie Erwerbsverläufe in sieben Arbeitsmarktzuständen. microDEMS wird für Erwerbsbevölkerungsprognosen sowie für Studien zu den Auswirkungen von Pensionsreformen und der Integration von Migrant:innen verwendet.
Vergleichende Mikrosimulation von Alterung und Wohlfahrtsstaat
microWELT ist eine dynamische Mikrosimulationsplattform zur vergleichenden Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Bevölkerungsalterung, soziodemografischem Wandel und dem Wohlfahrtsstaat. Anwendungen umfassen Langzeitpflegeprognosen, Erwerbsbevölkerungsprojektionen, Auswirkungen von Bildung, Gesundheit und Herkunft auf das Arbeitskräfteangebot, Nachhaltigkeit der Sozialversicherung sowie private und öffentliche Transfers im Rahmen der Nationalen Transferkonten. Verfügbar für zahlreiche EU-Länder und die USA, ist microWELT ein portables, zeitkontinuierliches Bevölkerungsmodell auf Basis standardisierter Länderdaten. Es ist als modulare, vollständig dokumentierte und erweiterbare Forschungsplattform konzipiert.
Agrarsektormodellierung für Österreich
PASMA (Positive Agricultural Sector Model for Austria) ist ein regionales Optimierungsmodell des österreichischen Agrarsektors. Es maximiert die regionale landwirtschaftliche Wertschöpfung, kalibriert auf beobachtete Produktionsmuster mittels Positiver Mathematischer Programmierung. Das Modell unterscheidet Ackerbau- und Viehzuchtbetriebe unter konventioneller und biologischer Bewirtschaftung auf NUTS-3-Ebene und integriert Maßnahmen des Agrarumweltprogrammes. Zentrale Eingangsdaten sind Verwaltungsdaten, Agrarstrukturerhebungen und die Landwirtschaftliche Gesamtrechnung. PASMA verbindet ökonomische und ökologische Indikatoren in einem kohärenten Rahmen und ermöglicht die Bewertung agrarpolitischer Reformen hinsichtlich Produktion, Einkommen, Flächennutzung und Umweltwirkungen.
Agentenbasierte Modellierung von Katastrophenauswirkungen
SHELScape ist ein räumlich explizites, mehrschichtiges agentenbasiertes Modell zur Untersuchung sozioökonomischer Auswirkungen von Naturkatastrophen. Es integriert angebotsseitige Produktions- und Handelsnetzwerke mit nachfrageseitigem Haushaltsverhalten und Migrationsdynamiken in einem einheitlichen Rahmen. Unternehmen und Haushalte treffen adaptive Entscheidungen zu Produktion, Handel, Arbeitsangebot und Migration auf Basis empirisch fundierter Verhaltensregeln. Das Modell erfasst Kaskadeneffekte über vernetzte Märkte und Regionen, einschließlich nichtlinearer Übergänge bei Überschreitung kritischer Schwellenwerte. SHELScape eignet sich besonders zur Analyse indirekter und räumlich verteilter Katastrophenfolgen jenseits der direkt betroffenen Gebiete.
Mittelfristige makroökonomische Prognose für Österreich
Das WIFO-Macromod wird für die mittelfristige makroökonomische Prognose und Politiksimulation für Österreich verwendet. Es bildet die Dynamik der wichtigsten Nachfrageaggregate auf Jahresbasis ab und lässt kurz- bis mittelfristige Ungleichgewichte auf dem Arbeits- und Gütermarkt zu. Die angebotsseitigen Elemente des Modells umfassen den Potenzialoutput, der mithilfe des Produktionsfunktionsansatzes der Europäischen Kommission geschätzt wird. Das Modell verknüpft Inlandsmärkte, Außenwirtschaft, Arbeitsmarkt und Preis-Lohn-System über Steuern und Staatsausgaben mit dem öffentlichen Sektor. Die Verhaltensgleichungen werden mittels Fehlerkorrekturmethoden geschätzt, die auf langfristige Gleichgewichtsbeziehungen abzielen und zyklische Abweichungen zulassen.
Steuer-Transfer-Mikrosimulation zur Evaluierung wirtschafts- und sozialpolitischer Maßnahmen
WIFO-Micromod ist ein Mikrosimulationsmodell zur Analyse der Verteilungs-, Umverteilungs- und fiskalischen Wirkungen wirtschafts- und sozialpolitischer Reformen. Auf Basis von EU-SILC und kalibriert mit ergänzenden Datenquellen ermöglicht es Ex-ante- und Ex-post-Analysen von Änderungen bei Einkommensteuer, Sozialbeiträgen und Transferleistungen auf Individual- und Haushaltsebene. Es quantifiziert Effekte auf verfügbare Haushaltseinkommen, Armutsgefährdung, Einkommensungleichheit und öffentliche Budgets und unterstützt so die zielgerichtete Ausgestaltung des Steuer- und Transfersystems. Darüber hinaus dient das Modell der strukturellen Analyse von Einkommensverteilungen und ihrer Entwicklung sowie des Zusammenspiels von Haushaltsstrukturen, Erwerbskonstellationen und Steuer-Transfersystem. Ein detailliertes Steuer-Transfer-Modul und die Kombinierbarkeit mit weiteren WIFO-Modellen ermöglichen konsistente Mikro-Makro-Abschätzungen. Ergänzend wird EUROMOD, ein europaweit harmonisiertes Mikrosimulationsmodell, für Now- und Forecasting von Verteilungsindikatoren eingesetzt.
Hochfrequente wöchentliche Konjunkturschätzung
Der Wöchentliche WIFO-Wirtschaftsindex (WWWI) liefert wöchentliche Schnellschätzungen der realen BIP-Wachstumsraten und der VGR-Komponenten auf der Entstehungs- und Verwendungsseite. Der Ansatz nutzt informative zeitliche Disaggregation mithilfe dynamischer Faktormodellversionen der Chow-Lin- und Litterman-Methoden, die mittels Kalman-Filter geschätzt werden, um gemischte Frequenzen und fehlende Beobachtungen zu berücksichtigen. Monatliche Indikatoren umfassen Produktion, Handel, Beschäftigung und Stimmungsindikatoren. Wöchentliche Indikatoren beinhalten bargeldlose Transaktionen, Arbeitslosigkeit, Straßen-, Schienen- und Flugverkehr, Stromverbrauch und Industrieemissionen. Entwickelt während der COVID-19-Pandemie, dient der WWWI als hochfrequentes Instrument der österreichischen Konjunkturanalyse.