17.09.2026

Erst das gemeinsame Zahlenbild, dann der Kompromiss

80 Jahre Sozialpartnerschaft und 100 Jahre WIFO
Die österreichischen Sozialpartner feierten am 16. September 2026 ihr 80-jähriges Bestehen. Bei der Veranstaltung "Zukunft gemeinsam gestalten" im Wiener Museumsquartier sprach WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr im Rahmen des Festaktes über die Bedeutung der Sozialpartnerschaft für Österreichs wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Dabei ging er auch auf die Rolle des WIFO ein, das selbst in wenigen Monaten sein 100-jähriges Jubiläum begeht.

Felbermayr erinnerte daran, dass das WIFO bereits seit seiner Gründung vor knapp 100 Jahren sozialpartnerschaftlich geprägt ist und heute wesentlich von den Sozialpartnern getragen wird. Besonders eng ist die Zusammenarbeit seit den 1960er-Jahren, etwa über den 1963 eingerichteten Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen. Dessen Leitmotiv der "Versachlichung" setze voraus, dass man sich zunächst auf ein gemeinsames Zahlenbild einige. Gerade in Zeiten von Polarisierung und alternativen Fakten sieht Felbermayr das WIFO hier als unabhängige und vertrauenswürdige Quelle von Expertise.

In der internationalen Forschung gilt das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft als wichtiger Grund für den Erfolg des Landes seit 1945. Ein strenger kausaler Nachweis sei zwar schwierig, die Entwicklung stütze die These aber deutlich: Lag das Pro-Kopf-Einkommen in der Zwischenkriegszeit klar unter dem westeuropäischen Durchschnitt, liegt es heute deutlich darüber, und rund 95% der Weltbevölkerung sind ärmer als der Durchschnitt in Österreich. Die Stundenproduktivität hat sich seit den frühen 1950er-Jahren mehr als verfünfzehnfacht, die Streikminuten sind gegenüber der ersten Nachkriegsdekade um 98% gesunken. Als zentrale Bausteine nannte Felbermayr die kollektivvertragliche Abdeckung von 95% bis 98% der unselbständig Beschäftigten, die Rolle der Lohnverhandlungen für die makroökonomische Stabilität sowie die international beachtete Lehrlingsausbildung.

Zugleich verwies Felbermayr auf große Herausforderungen: den demografischen Wandel mit Reformbedarf bei Pensionen, Gesundheit und Pflege, den Klimawandel, einen sich beschleunigenden technologischen Wandel und ein schwieriger gewordenes geopolitisches Umfeld für die exportstarke österreichische Wirtschaft. Wie wertvoll eingespielte Verhandlungsroutinen sind, habe sich zuletzt in der COVID-19-Krise gezeigt, als das Kurzarbeitsmodell binnen weniger Tage ausverhandelt wurde und auf dem Höhepunkt über eine Million Beschäftigungsverhältnisse sicherte. Die Sozialpartnerschaft werde sich wandeln müssen, sei aber als Ort der Kompromissfindung wichtiger denn je. Das WIFO wolle dazu weiterhin als unabhängige, verlässliche Quelle von Daten, Fakten und Analysen beitragen.

Die Rede des WIFO-Direktors im Wortlaut
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