
"Eigentlich völlig ohne Auftrag"
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Hier ein Transkript des ORF-Interviews, das anlässlich des 75. Geburtstags von Franz Nemschak stattgefunden hat.
Moderatorin Ilse Vogel:
Ein Mann hat heute Geburtstag, der die Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit in Österreich maßgeblich beeinflusst hat: Prof. Dr. Franz Nemschak. Der Gründer und erster Leiter des Institutes für Wirtschaftsforschung nach dem Krieg.
Das Institut selbst hat es ja schon während des Krieges gegeben und Nemschak war bereits in den frühen 40er-Jahren an diesem Institut tätig. Nach 1945 hat er dann, ohne zunächst einen Auftrag zu haben, das Institut für Wirtschaftsforschung wieder aktiviert.
Geboren worden ist Nemschak am 27. Juli 1907 in Graz, erst relativ spät, nämlich erst 1933 hat er zu studieren begonnen, und zwar Volkswirtschaft, Soziologie und Politologie. Nemschak war unter anderem kaufmännischer Angestellter bei Kastner & Oehler, dem Grazer Großkaufhaus, und Wirtschaftsjurist bei den Stahlwerken Böhler-Kapfenberg.
1972 hat Nemschak dann die Leitung des Wirtschaftsforschungsinstitutes an seinen damaligen Mitarbeiter Prof. Seidel abgegeben, der heute ja Staatssekretär im Finanzministerium ist, während das Institut in Dr. Helmut Kramer nun den dritten Chef in der Nachkriegszeit hat.
Prof. Nemschak hat dann noch bis 1978 das Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche geleitet, das sich vor allem mit den Unterschieden zwischen den westlichen und den östlichen Wirtschaftssystemen beschäftigt und aus einer Abteilung des Wirtschaftsforschungsinstitutes hervorgegangen ist.
Seit 1978 ist Prof. Dr. Franz Nemschak in Pension, heute feiert er seinen 75. Geburtstag und Hans Adler sprach aus diesem Anlass mit ihm.
Hans Adler:
Herr Professor Nemschak, Sie haben nach dem Krieg im Jahr 1945 das Institut für Wirtschaftsforschung eigentlich aus eigenem gegründet. Es gab ja damals keinen Auftrag und niemand, der Ihnen einen Auftrag dazu geben hätte können.
Franz Nemschak:
Ja, es war wirklich so. Ich bin während des Krieges mehr oder minder zufällig mit der Wirtschaftsforschung, mit der damaligen Wirtschaftsforschung in Kontakt gekommen. Ich hatte einen Urlaub bekommen vom Militär und habe mich für die Wirtschaftsforschung interessiert. Ich bin in das damalige Wiener Institut für Wirtschaftsforschung gegangen, das in der Börse untergebracht war und das eigentlich in voller Auflösung war. Die Herren, die männlichen Mitglieder sind in das Altreich zurückgegangen. Und ich bin da allein dagestanden mit einem Häufchen weiblicher Hilfskräfte.
Ich habe Räume besetzt im Börsegebäude, die intakt geblieben waren, eigentlich völlig ohne Auftrag. Ich hörte damals zufällig, dass am Stubenring eine bekannte Persönlichkeit Österreichs, des ehemaligen Österreichs, der Minister Heinl, aufgetaucht sei – am Stubenring in der Handelskammer.
Und ich habe mich über Schutt und Asche durchgeschlagen auf den Stubenring, von der Börse auf den Stubenring, – es war gar nicht so leicht – um diesen Heinl zu treffen. Und der Heinl hat mich bestärkt und hat mir noch gesagt, dass er jetzt von seiner Partei die Aufgabe hat, die Kammern in Österreich wieder aufzubauen und er fände meine Initiative ausgezeichnet.
Und wahrscheinlich wird er in der provisorischen Regierung, die in ein paar Tagen gebildet wird, eine Woche später ist die provisorische Regierung gebildet worden, wahrscheinlich wird er dort etwas werden. Und dann wird er alles, was ich gemacht habe, legitimieren und in Ordnung bringen. Und so ist es dann geschehen.
Ich habe weiters die Monate verwendet, um den Vorstand des Institutes zu konstituieren. Und zwar nach dem Vorbild, das einmal gedacht war, dass Vertreter aus beiden Lagern, dass sowohl Vertreter der Unternehmerseite als auch der Arbeiterseite, und zwar die Spitzenfunktionäre, die Präsidenten der Arbeiterkammer, die Präsidenten der Handelskammer, damals war es noch eine Handelskammer Wien, die Präsidenten des Gewerkschaftsbundes, die Präsidenten der Industriellen Vereinigung, der Präsidenten des Bankenverbandes, ein Vertreter des Staates. Also ich habe einen Vorstand zusammengestellt, in dem die Spitzenvertreter der wirtschaftlichen Körperschaften und auch des Staates vertreten waren.
Hans Adler:
Aber führt das nicht eigentlich ein bisschen zu sehr vielen Einflussnahmen auf die Entscheidungen von so einem Institut?
Franz Nemschak:
Ja, aber das war es, dass ich ausdrücklich, und das habe ich übernommen von meinen Ahnherren von Mises und von Hayek, dass der Leiter des Institutes in der Auswahl seiner Mitarbeiter und in der Gestaltung seiner Arbeiten völlig unabhängig ist.
Hans Adler:
Wenn man diese Institute sieht und mit ihnen arbeitet, dann sieht man, dass sie eigentlich eine sehr vielfältige Arbeit tun und die nur eigentlich immer die Prognosen an der Öffentlichkeit auftauchen und dann zerredet werden. Ist das Ihrer Ansicht nach eigentlich wirklich ein so zentraler Punkt, diese Prognosen, die Vorschau auf die Wirtschaft? Oder ist nicht doch eigentlich ein Schwerpunkt die Untersuchung des Bestehenden und die möglichen Reaktionen daraus?
Franz Nemschak:
Es sind beides. Der Schwerpunkt ist sicherlich eine ständige Analyse in Fortsetzungen, eine dauernde Analyse der bestehenden Verhältnisse im eigenen Lande, auf verschiedenen Gebieten, aber auch der internationalen Lage, sodass man beides muss. Die Analyse ist natürlich die Grundlage.
Hans Adler:
Beneiden Sie eigentlich Ihre Nachfolger? Sie haben ihre Prognosen in einer Zeit erstellt der wirtschaftlichen Prosperität, in einer Zeit des Aufbaus, wo man eigentlich mit ziemlicher Sicherheit rechnen hat können, dass nach jedem wirtschaftlichen Einbruch auch wieder ein Aufstieg kommt. Und mit dem kann man eigentlich doch heute nicht mehr rechnen. Das heißt, Sie hatten es mit Ihren Prognosen nicht ganz so schwer, denn wenn Sie einmal daneben getroffen haben, dann hat die Wirtschaft das selbst wieder korrigiert. Aber heute tut's weh und man schaut mit schälen Augen auf jede falsche Prognose. Ist das eigentlich ein Grund für Sie froh zu sein, dass Sie das nicht mehr tun müssen?
Franz Nemschak:
Die Prognosen sind auch zu meiner Zeit immer etwas Problematisches gewesen. Es war in einer Phase eines von gewissen Rückschlägen sicherlich gezeichneten langfristigen Aufschwungs in der Nachkriegszeit, wo im Laufe von zwei oder drei Jahrzehnten sich das Sozialprodukt vervierfacht hat, war es verhältnismäßig nicht so schwierig, einigermaßen richtig zu prognostizieren. Es war nur die Frage immer, um wie viel wird das Sozialprodukt wachsen? Werden es 3% sein? Werden es 5% sein? Werden es 4% sein?
Es hat natürlich auch Einbrüche gegeben. Es war zum Beispiel dieser elementare Einbruch vor dem ersten Preis-Lohn-Abkommen im Jahre 1951, als der Marshall-Plan Ende 1951, als in Österreich die Inflation, da war schon das fünfte Preis-Lohn-Abkommen, die Inflation sich äußerst virulent entwickelte, dass der Lebenserhaltungskosten-Index im Herbst schon um 45% oder an die 50% gegenüber dem Vorjahr gestiegen war. Eine galoppierende Inflation war im Gang und dort war es natürlich außerordentlich schwierig zu prognostizieren.
Hans Adler:
In der heutigen Krise redet man manchmal davon, dass das ähnlich wäre wie in den 30er-Jahren. Sie haben diese 30er-Jahre ja schon erlebt. Finden Sie wirklich etwas Vergleichbares? Und hat sich das Instrumentarium der Wirtschaftspolitik und die Situation wirklich so ähnlich entwickelt? Steht man heute mit demselben Instrumentarium einer neuen Situation gegenüber?
Franz Nemschak:
Es war in den 30er-Jahren und schon in den 20er-Jahren ein Klassenkampf auf Mord und Brand. Parteien sind sich feindlich gegenübergestanden. Keine Spur von Zusammenarbeit. Ich habe daraus Lehren gezogen und meine Vision war, wir können mit den ungeheuren Schwierigkeiten, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, nur die Probleme bewältigen, wenn wir Formen der Zusammenarbeit finden. Da war eine völlig andere Grundstimmung.
Hans Adler:
Und heute, wie schön ist das?
Franz Nemschak:
Und heute ist diese Generation eigentlich nicht mehr da. Und die Jungen, die jetzt da sind, die relativ jungen Leute, haben das alles nicht erlebt, sind in den Wohlstand hineingewachsen, haben keine Ahnung unter welchen Schwierigkeiten die Grundlagen für diesen Wohlstand geschaffen worden sind, stellen Ansprüche uferlos.
Es ist eine ganz andere Mentalität, eine wehleidige Jugend dann auch, wenn es härter wird, wenn man nicht mehr alle Jahre um 3% oder 4% mehr bekommt, real mehr bekommt, ist man höchst indigniert und unzufrieden. Und sieht nicht ein, dass es schon eine große Leistung wäre in einer Welt, die so unsicher ist.
Und dass alles verschärft wird durch die Tatsache, durch den Umstand, dass nunmehr die Atomkraft erfunden worden ist und es möglich ist, die Welt zu pulverisieren und dass wir uns jetzt offenbar in einer weltweiten Rezessionsphase befinden. Und das heute kann man ja nicht sagen, wie das weitergeht.
Aber möglicherweise werden die Historiker, wenn sie das Ganze überlebt haben, sagen, ja, die Leute im Jahre 82 waren bereits mitten in der ersten Phase einer weltweiten Krise, einer dritten, einer neuen Weltwirtschaftskrise, die vielleicht noch größere Dimensionen und gefährlicher war, weil das Atom hier eine Rolle spielt, als die Krise in den 30er-Jahren.
Hans Adler:
Herr Professor, ich danke Ihnen schön für das Gespräch und ich wünsche Ihnen nochmals alles Gute.
Moderatorin Ilse Vogel:
Ein Gespräch war das mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Franz Nemschak, der heute seinen 75. Geburtstag feiert. Hans Adler hat dieses Gespräch geführt.
