
Energiepreisschock und Handelskonflikte bremsen Österreichs Außenwirtschaft
Der "Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft" (FIW) veröffentlichte am Mittwoch, 19. Mai 2026, sein siebtes Jahresgutachten zur "Lage der österreichischen Außenwirtschaft". Das Gutachten analysiert die internationalen Rahmenbedingungen und enthält eine kurzfristige Prognose der österreichischen Außenhandelsentwicklung für die Jahre 2026 und 2027. Erstmals widmet sich die Studie zudem ausführlich den monetären Außenwirtschaftsbeziehungen sowie den mittelfristigen Veränderungen im globalen Handelssystem.
Im Mittelpunkt der diesjährigen Analyse stehen die wirtschaftlichen Folgen geopolitischer Spannungen – insbesondere die protektionistische Handelspolitik der USA, der Krieg im Nahen Osten und der daraus resultierende Energiepreisschock.
Exporte rückläufig, Importe deutlich gestiegen
Die österreichischen Warenexporte entwickelten sich 2025 schwach und gingen nominell um 0,5% zurück. Ausschlaggebend waren vor allem die schwache Nachfrage aus wichtigen Absatzmärkten wie Deutschland und dem übrigen Euro-Raum, insbesondere bei Investitionsgütern, sowie zunehmende geo- und handelspolitische Unsicherheiten. Zusätzlich belastete der verschärfte internationale Wettbewerb, u. a. durch China, die Exportentwicklung. Gegen Jahresende zeigten sich zwar erste Anzeichen einer Stabilisierung, diese reichten jedoch nicht aus, um den Rückgang im Gesamtjahr auszugleichen.
Die Warenimporte entwickelten sich hingegen deutlich dynamischer und stiegen real um 4,8%. Wachstumstreiber waren insbesondere die Erholung der Ausrüstungsinvestitionen und die heimische Nachfrage nach dauerhaften Konsumgütern, insbesondere Pkw-Einfuhren sowie pharmazeutische Produkte und Edelmetalle. Besonders kräftige Zuwächse verzeichneten die Importe aus der Schweiz und China.
Infolge der gegenläufigen Entwicklung von Exporten und Importen verschlechterte sich die Warenhandelsbilanz deutlich. Das Handelsbilanzdefizit belief sich 2025 auf 6,6 Mrd. €. Negative Mengeneffekte konnten dabei nur teilweise durch günstige Terms-of-Trade-Effekte ausgeglichen werden.
Verhaltener Ausblick für 2026 und 2027
Für die Jahre 2026 und 2027 prognostiziert das FIW eine nur schrittweise Erholung der österreichischen Außenwirtschaft. Im Hauptszenario dürften die realen Exporte (Waren- und Dienstleistungen) 2026 um 1,5% und 2027 um 2,2% wachsen. Die Warenimporte werden mit 1,0% im Jahr 2026 und 2,0% im Jahr 2027 ebenfalls nur moderat zulegen.
Die Prognose ist jedoch mit hoher Unsicherheit behaftet. Wesentliche Risikofaktoren bleiben die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges, steigende Preise für fossile Energieträge, Belastungen globaler Lieferketten sowie die zunehmende Unsicherheit bei Investitions- und Konsumentscheidungen.
Vor diesem Hintergrund unterscheidet das Gutachten zwischen einem Hauptszenario und einem pessimistischen Alternativszenario. Die zentrale Annahme betrifft die Entwicklung der Energiepreise, insbesondere für Rohöl und Erdgas. Diese hängt maßgeblich davon ab, wie stark die globale Energieversorgung durch Einschränkungen in der Straße von Hormus oder durch zerstörte Produktionskapazitäten im Nahen Osten beeinträchtigt wird.
Im Hauptszenario geht das FIW von einem Rohölpreis von 88 $ je Barrel (Sorte Brent) im Jahr 2026 und 76 $ im Jahr 2027 aus. Die Erdgaspreise dürften bei 49 € je MWh im Jahr 2026 und 37 € im Jahr 2027 liegen. Im pessimistischen Szenario wird hingegen ein deutlich stärkerer und länger anhaltender Energiepreisanstieg unterstellt. In diesem Fall würde der Rohölpreis 2026 auf 106 $ je Barrel steigen und 2027 bei 80 $ liegen. Die Erdgaspreise würden 2026 auf 64 € je MWh und 2027 auf 58 € steigen.
Die Auswirkungen des pessimistischen Szenarios auf die Außenwirtschaft sind erheblich: Das Wachstum der realen Exporte würde 2026 lediglich 0,3% und 2027 nur 1,1% betragen. Die Importe könnten 2026 sogar leicht zurückgehen, bevor sie 2027 wieder moderat zulegen. Gleichzeitig würde sich die Handelsbilanz unter dem Druck höherer Energiepreise deutlich stärker verschlechtern.
Schwächeres internationales Umfeld
Auch das internationale Umfeld bleibt herausfordernd. Die Weltwirtschaft wuchs 2025 real um 3,4%, für 2026 und 2027 wird jedoch mit einer leichten Abschwächung auf 3,1% bzw. 3,2% gerechnet. Während die Wirtschaft in den USA vergleichsweise dynamisch wächst, bleiben die Europäische Union und insbesondere Deutschland als wichtigste Absatzmärkte Österreichs deutlich zurück. Für den Welthandel wird nach einem kräftigen Anstieg im Jahr 2025 ebenfalls eine Abschwächung erwartet.
Geldpolitik und strukturelle Veränderungen im Fokus
Erstmals analysiert das Jahresgutachten auch ausführlich monetäre Außenwirtschaftsbeziehungen. Im Mittelpunkt stehen die Inflationsentwicklung, geldpolitische Strategien und Wechselkursdynamiken in den wichtigsten Volkswirtschaften.
Die geldpolitische Lage war 2025 von rückläufiger Inflation, moderatem Wirtschaftswachstum und anhaltenden geoökonomischen Unsicherheiten geprägt. Mit dem Energiepreisschock infolge des Iran-Krieges rückte die Geldpolitik Anfang 2026 erneut stärker in den Fokus.
Für Österreich zeigt sich beim real-effektiven Wechselkurs auf Basis der Lohnstückkosten eine geringere Aufwertung als im Durchschnitt des Euro-Raumes. Dies deutet auf eine leichte Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit hin, relativiert sich jedoch angesichts der starken inflationsbedingten Aufwertung in den Vorjahren.
Darüber hinaus beleuchtet das Gutachten die mittelfristigen Veränderungen im globalen Handelssystem. Im Zentrum stehen die steigende handelspolitische Unsicherheit, zunehmende protektionistische Maßnahmen und die strukturellen Folgen geopolitischer Konflikte für die internationale Arbeitsteilung.
Diese Entwicklungen fördern eine Reorganisation globaler Lieferketten im Sinne des "Friendshoring" und verstärken die Blockbildung im Welthandel. Für die Europäische Union stellt sich damit zunehmend die Frage, wie wirtschaftliche Offenheit, Versorgungssicherheit und strategische Resilienz künftig besser miteinander verbunden werden können.
Diversifizierung und Resilienz gewinnen an Bedeutung
Die aktuellen Entwicklungen unterstreichen die Bedeutung einer aktiven Strategie zur Risikoreduktion auf europäischer und nationaler Ebene. Im Mittelpunkt stehen dabei die Diversifizierung von Liefer- und Absatzmärkten, die Vertiefung von Handelsbeziehungen mit regelorientierten Partner:innen, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie resilientere internationale Lieferketten.
Die jüngsten Energiepreisschocks und die zunehmende Fragmentierung des Welthandels zeigen, wie wichtig es ist, strukturelle Abhängigkeiten frühzeitig zu verringern. Ergänzend empfiehlt das FIW eine breit angelegte Industriestrategie, um kritische Abhängigkeiten bei Rohstoffen, Energie und digitalen Technologien gezielt zu reduzieren und gleichzeitig die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken.
