Prognose für 2020 bis 2022

18.12.2020

Kompensation hoher Wertschöpfungseinbußen

Insgesamt sank das reale BIP 2020 um 7,3%, und die Arbeitslosigkeit stieg trotz der Inanspruchnahme der COVID-19-Kurzarbeit um ein Drittel. Ohne weiteren Lockdown ("No Policy Change") dürfte das BIP 2021 um 4,5% wachsen, mit einem dritten Lockdown um 2,5%.

Die Konjunktur erholte sich im Sommer 2020 in Österreich auch im internationalen Vergleich außerordentlich kräftig. Der zweite Lockdown drückt die Wirtschaftsaktivität 2020 wieder, aber – da die Industrie weniger betroffen ist – schwächer als der erste. Insbesondere der Wintertourismus wird aufgrund der anhaltenden Reisewarnungen in der bevorstehenden Saison empfindlich eingeschränkt bzw. fällt aus. Erst in der wärmeren Jahreszeit und mit der Durchimpfung der Bevölkerung können sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten wieder normalisieren. Die Arbeitslosigkeit bleibt 2022 jedenfalls über dem Vorkrisenniveau.

"Aufgrund anhaltender Reisewarnungen werden sich die Gastronomie und Hotellerie – die Branchen mit den bisher höchsten Einbußen – nur langsam erholen. Von einem dritten Lockdown wären sie besonders betroffen", so der Autor der aktuellen WIFO-Prognose Stefan Schiman.
 


Die Wirtschaftsleistung brach in Österreich 2020 stark ein. Der BIP-Rückgang fiel aber mit –7,3% (Prognose) weniger heftig aus, als es die Gegebenheiten der letzten Wochen – der Lockdown seit Anfang November in unterschiedlicher Intensität – vermuten ließen. In seiner Prognose von Anfang Oktober erwartete das WIFO bereits einen Rückgang um 6,8%. Die relativ geringe Prognoserevision für 2020 hat im Wesentlichen zwei Ursachen:

  • Die Erholung fiel im Sommer kräftiger aus als erwartet und war, gemessen an der Tiefe des vorangegangenen Einbruchs, auch im internationalen Vergleich überdurchschnittlich. Der kräftige Rebound war neben der großzügigen Lockerung von Maßnahmen zur Einschränkung der COVID-19-Pandemie auch auf die expansive Wirtschaftspolitik zurückzuführen, die die Einkommen der privaten Haushalte und damit die Konsumnachfrage stabilisierte, sowie auf die rasche Erholung des Welthandels, von der der Außenhandel und in der Folge die Industrieproduktion und die Investitionen profitierten.

  • Die solide Entwicklung des Welthandels erklärt auch, warum die Konjunktur vom zweiten Lockdown seit November 2020 weniger beeinträchtigt wird als vom ersten. Die internationalen Lieferketten wurden aufrechterhalten, Fabriken nicht geschlossen und angebotsseitige Produktionshemmnisse in der Industrie vermieden. Der zweite Lockdown wirkt sich hauptsächlich in den Dienstleistungsbranchen aus und hat daher geringere gesamtwirtschaftliche Effekte als der erste.

Unter den aktuellen Rahmenbedingungen dürfte der Mittelwert des Prognoseintervalls – im Gegensatz zur üblichen Annahme – nicht dem Wert mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit entsprechen. Vielmehr erscheint ein bimodales Prognoseintervall plausibel, also eine Bandbreite mit zwei wahrscheinlichen Ergebnissen: Entweder bleiben die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen unverändert ("No Policy Change"), und im I. Quartal 2021 folgt eine Erholung aus dem aktuellen Lockdown. Oder im I. Quartal wird ein neuerlicher Lockdown verhängt, sodass ein Rebound erst im II. Quartal einsetzt, aber verhältnismäßig kräftiger ausfällt:

  • Im Szenario "Dritter Lockdown" wird ein vollständiger Lockdown von vier Wochen ab Ende Jänner 2021 angenommen und ein anschließender teilweiser Lockdown bis Ende März 2021 mit weiterhin geschlossenen Gaststätten und Beherbergungsbetrieben. Das BIP würde dadurch im I. Quartal 2021 weiter abnehmen, und die Konjunkturerholung würde sich verzögern. Mit der Schließung des Handels würde die Inanspruchnahme von COVID-19-Kurzarbeit wieder zunehmen, während das jähe Ende der Wintertourismussaison insbesondere die Saisonarbeitslosigkeit vorübergehend erhöhen würde.

  • Im Szenario "No Policy Change" ohne dritten Lockdown wäre im I. Quartal 2021 ein Niveausprung der Wirtschaftsleistung zu erwarten, da Betriebe, die Ende 2020 über mehrere Wochen schließen mussten, wieder aktiv wären. Dies betrifft zum einen den Einzelhandel, wenngleich Nachholkäufe teilweise schon vor Weihnachten erfolgen, zum anderen die Gastronomie und, in schwächerem Ausmaß, das Beherbergungswesen. Beherbergungsbetriebe würden die Wertschöpfungsverluste nur sehr langsam kompensieren, da Reisewarnungen wichtiger Herkunftsländer ausländische Gäste noch bis einschließlich Februar 2021 von einem Urlaub in Österreich abhalten werden. Der Rebound würde daher nach dem zweiten Lockdown insgesamt schwächer ausfallen als nach dem ersten oder einem allfälligen dritten.

Im Jahresverlauf 2021 dürften zuerst die steigenden Außentemperaturen und spätestens in der zweiten Jahreshälfte auch die Durchimpfung der Bevölkerung wieder mehr gesellschaftliche und damit wirtschaftliche Aktivitäten zulassen, die Rückkehr zu einem normalen Sozialverhalten ermöglichen und damit die Konjunkturerholung stützen. Auf Basis dieser Annahme wird für 2021 im Szenario "No Policy Change" eine BIP-Wachstumsrate von 4,5% und im Szenario "Dritter Lockdown" von 2,5% prognostiziert. Die krisenbedingten Wertschöpfungsverluste werden in beiden Szenarien erst 2022 kompensiert. Die Arbeitslosenquote, die 2020 trotz breiter Inanspruchnahme der COVID-19-Kurzarbeit um 2,5 Prozentpunkte auf 9,9% stieg, wird 2021 in beiden Szenarien auf 9,3% zurückgehen. Das Budgetdefizit dürfte von rund 10% des BIP 2021 auf etwa 5,5% (Szenario "No Policy Change") bzw. 6,2% (Szenario "Dritter Lockdown") sinken.
 

Publikationen

WIFO-Konjunkturprognosen, Dezember 2020, 34 Seiten
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 18.12.2020 10:30
 
Die Konjunktur erholte sich im Sommer 2020 in Österreich auch im internationalen Vergleich außerordentlich kräftig. Der zweite Lockdown drückt die Wirtschaftsaktivität 2020 wieder, aber – da die Industrie weniger betroffen ist – schwächer als der erste. Insgesamt sank das reale BIP 2020 um 7,3%, und die Arbeitslosigkeit stieg trotz der Inanspruchnahme der COVID-19-Kurzarbeit um ein Drittel. Ohne weiteren Lockdown ("No Policy Change") dürfte das BIP 2021 um 4,5% wachsen, mit einem dritten Lockdown um 2,5%. Insbesondere der Wintertourismus wird aufgrund der anhaltenden Reisewarnungen in der bevorstehenden Saison empfindlich eingeschränkt bzw. fällt aus. Erst in der wärmeren Jahreszeit und mit der Durchimpfung der Bevölkerung können sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten wieder normalisieren. Die Arbeitslosigkeit bleibt 2022 jedenfalls über dem Vorkrisenniveau.
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Stefan Schiman, MSc

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik
© Johannes Brunnbauer
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