Gezielte Maßnahmen für weniger bildungsaffine Gruppen erforderlich

26.03.2024

WIFO-Studie zur Bildungskarenz

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) hat eine neue Studie zur Inanspruchnahme und Wirkung der Bildungskarenz veröffentlicht, in der erstmals seit langer Zeit die kausalen Effekte auf die Arbeitsmarktintegration der Teilnehmer:innen untersucht wurden.

Die Studie zeigt, dass die Teilnehmer:innen tendenziell jung, weiblich und höher gebildet sind. Etwa die Hälfte verfügt über mindestens einen Maturaabschluss, im Vergleich zu 40% der unselbständig Beschäftigten im erwerbsfähigen Alter. Auffallend ist, dass vor allem Personen teilnehmen, die bereits gut in den Arbeitsmarkt integriert sind.

In der Kerngruppe der Personen, die aus einer aktiven Beschäftigung in Bildungskarenz gehen, hat sich die Inanspruchnahme nicht wesentlich verändert. Es gibt zwar mehr Zugänge, jedoch hat sich auch die Zahl der Beschäftigten, also der potenziellen Teilnehmer:innen, stark erhöht. Deutlich zugenommen hat in den letzten Jahren jedoch die Inanspruchnahme der Bildungskarenz nach einer Elternkarenz.

Die Wirkung der Bildungskarenz ist moderat. Bei Teilnehmer:innen aus aktiver Beschäftigung wurde ein leicht negativer Beschäftigungseffekt festgestellt, während Frauen nach einer Elternkarenz einen moderat positiven Effekt verzeichnen konnten. Untersucht wurden Zugänge von 2010 bis 2019 sowie die Wirkung bis zu 12 Jahre nach Teilnahmebeginn. In konkreten Zahlen:

  • Die Teilnahme aus aktiver Beschäftigung reduzierte den Anteil der Teilnehmer:innen in Beschäftigung zwölf Jahre nach Teilnahmebeginn um 1,9 Prozentpunkte (von 89,7% auf 87,9%).

  • Die Teilnahme nach der Elternkarenz erhöhte die Beschäftigungsquote der teilnehmenden Frauen nach zwölf Jahren um +3,1 Prozentpunkte (von 89,1% auf 92,2%).

Für beide Gruppen führte die Bildungskarenz zu höheren Monatslöhnen. Die aktiv Beschäftigten verzeichneten aufgrund der reduzierten Erwerbstätigkeit einen Rückgang ihrer kumulierten Jahreseinkommen. Im Gegensatz dazu konnten Frauen nach der Elternkarenz von einem höheren kumulierten Einkommen profitieren, da sie vermehrt erwerbstätig waren und von höheren Monatslöhnen profitierten. In konkreten Zahlen:

  • Für die aktiv Beschäftigten erhöhte die Teilnahme das Monatseinkommen im 11. Jahr nach Teilnahmebeginn um durchschnittlich 203 € (+6,3%) und reduzierte das kumulierte Jahreseinkommen um 826 € (–2,6%).

  • Für Frauen mit Bildungskarenz nach Elternkarenz erhöhte die Teilnahme das Monatseinkommen im 11. Jahr um durchschnittlich 182 € (+7,7%) und das kumulierte Jahreseinkommen um 2.381 € (+10,7%).

Eine umfangreiche Befragung der Teilnehmer:innen ergab eine durchwegs positive Beurteilung der Bildungskarenz als Möglichkeit zur Qualifizierung, persönlichen Weiterentwicklung, Vereinbarkeit mit Betreuungsaufgaben und gesundheitlichen Stabilisierung. 84% der Befragten gaben an, dass die Bildungskarenz für ihr berufliches Fortkommen relevant war.

Das WIFO betont die zunehmende Bedeutung von Weiterbildung, um mit den Veränderungen in der Arbeitswelt Schritt zu halten und sieht in der Bildungskarenz ein wichtiges Instrument zu deren Förderung. Die Studie zeigt aber eindeutig Verbesserungspotenzial auf.

Um die Arbeitsmarktchancen und die Erwerbsbeteiligung effektiver zu erhöhen, schlägt das WIFO vor, die Bildungskarenz stärker mit geeigneten Weiterbildungsmaßnahmen zu verknüpfen, eine umfassende, proaktive Bildungsberatung anzubieten und gezielt Maßnahmen zu setzen, um weniger gut integrierte, bildungsfernere und ältere Personen zu erreichen. Für diese Gruppen ist eine gezielte Ansprache durch konkrete Weiterbildungsangebote sowie eine angemessene Einkommenssicherung während der Weiterbildung erforderlich.

Eine Intensivierung der Bildungskomponente durch umfassende Bildungsberatung, eine engere Bindung an geeignete Weiterbildungsmaßnahmen und eine Zertifizierung von Bildungsangeboten würde dazu beitragen, dass die Bildungskarenz häufiger im Sinne ihrer eigentlichen Zielsetzung genutzt wird: Erhöhung der Arbeitsmarktchancen durch Weiterbildung. Dies gilt insbesondere auch für die Inanspruchnahme nach der Elternkarenz.

Die Studie zeigt zudem einen Bedarf an ausreichender Betreuungsinfrastruktur und speziellen Bildungsangeboten für Eltern mit Kleinkindern, die in den Beruf zurückkehren wollen. Für eine gezieltere Ausrichtung auf Bildungsziele und eine bessere Evaluation der Bildungskarenz schlägt das WIFO vor, das Ausbildungsniveau aller Teilnehmer:innen sowie die absolvierten Weiterbildungen zu erfassen.

 
 

Publikationen

Studien, Oktober 2023, 290 Seiten
Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 26.03.2024 10:00
 
Die Studie präsentiert eine qualitative und quantitative Analyse der Inanspruchnahme und der Wirkungen von Bildungskarenz und Bildungsteilzeit im Zeitraum 2010 bis 2021. Dabei zeigt sich vor allem ein deutlicher Anstieg der Zahl der Frauen, die ab 2019 aus der Elternkarenz in Bildungskarenz gingen. Ältere Arbeitskräfte und Personen mit geringer formaler Bildung konnten mit beiden Programmen bisher nur unzureichend angesprochen werden. Es nehmen vor allem Arbeitskräfte teil, die bereits gut in den Arbeitsmarkt integriert sind und bei denen eine weitere Verbesserung der Beschäftigungschancen von vornherein unwahrscheinlich ist. Für Personen, die aus unselbständiger Aktivbeschäftigung in Bildungskarenz gehen, zeigen die Wirkungsanalysen einen leicht negativen Beschäftigungseffekt durch die Teilnahme, für Frauen, die nach einer Elternkarenz in Bildungskarenz gehen, einen moderat positiven Langzeiteffekt. Die Inanspruchnahme der Bildungsteilzeit hat kaum Auswirkungen. Alle drei Instrumente führen zu weniger unselbständiger und mehr selbständiger Beschäftigung und – teilweise zeitverzögert – zu höheren Erwerbseinkommen. Basis sind Vergleiche zwischen Teilnehmer:innen und mittels statistischem Matching gebildete Kontrollgruppen aus Nicht-Teilnehmer:innen. Wegen Datenlücken könnte eine unbeobachtete Selektion der Teilnehmer:innen die Ergebnisse beeinflussen. Insbesondere zeichnete sich für einen beträchtlichen Teil der teilnehmenden unselbständig Aktivbeschäftigten ein Beschäftigungsende nach der Bildungskarenz von vornherein ab. Im Vergleich zu einer überwiegend kontinuierlich beschäftigten Vergleichsgruppe kann dies zu einer Unterschätzung der tatsächlichen Effekte führen. In einer Online-Befragung schätzten Personen, die zwischen 2019 und 2022 eine Bildungskarenz oder Bildungsteilzeit beendeten, die Effekte überwiegend positiv ein: Mehr als 80% beurteilten die Weiterbildung als relevant für das berufliche Fortkommen. Für rund zwei Drittel hat sich die Arbeitszufriedenheit erhöht.
Studien, Oktober 2023, 33 Seiten
Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 26.03.2024 10:00
 
Die Studie präsentiert eine qualitative und quantitative Analyse der Inanspruchnahme und der Wirkungen von Bildungskarenz und Bildungsteilzeit im Zeitraum 2010 bis 2021. Dabei zeigt sich vor allem ein deutlicher Anstieg der Zahl der Frauen, die ab 2019 aus der Elternkarenz in Bildungskarenz gingen. Ältere Arbeitskräfte und Personen mit geringer formaler Bildung konnten mit beiden Programmen bisher nur unzureichend angesprochen werden. Es nehmen vor allem Arbeitskräfte teil, die bereits gut in den Arbeitsmarkt integriert sind und bei denen eine weitere Verbesserung der Beschäftigungschancen von vornherein unwahrscheinlich ist. Für Personen, die aus unselbständiger Aktivbeschäftigung in Bildungskarenz gehen, zeigen die Wirkungsanalysen einen leicht negativen Beschäftigungseffekt durch die Teilnahme, für Frauen, die nach einer Elternkarenz in Bildungskarenz gehen, einen moderat positiven Langzeiteffekt. Die Inanspruchnahme der Bildungsteilzeit hat kaum Auswirkungen. Alle drei Instrumente führen zu weniger unselbständiger und mehr selbständiger Beschäftigung und – teilweise zeitverzögert – zu höheren Erwerbseinkommen. Basis sind Vergleiche zwischen Teilnehmer:innen und mittels statistischem Matching gebildete Kontrollgruppen aus Nicht-Teilnehmer:innen. Wegen Datenlücken könnte eine unbeobachtete Selektion der Teilnehmer:innen die Ergebnisse beeinflussen. Insbesondere zeichnete sich für einen beträchtlichen Teil der teilnehmenden unselbständig Aktivbeschäftigten ein Beschäftigungsende nach der Bildungskarenz von vornherein ab. Im Vergleich zu einer überwiegend kontinuierlich beschäftigten Vergleichsgruppe kann dies zu einer Unterschätzung der tatsächlichen Effekte führen. In einer Online-Befragung schätzten Personen, die zwischen 2019 und 2022 eine Bildungskarenz oder Bildungsteilzeit beendeten, die Effekte überwiegend positiv ein: Mehr als 80% beurteilten die Weiterbildung als relevant für das berufliche Fortkommen. Für rund zwei Drittel hat sich die Arbeitszufriedenheit erhöht.
Rückfragen an

MMag. Dr. Rainer Eppel

Forschungsgruppe: Arbeitsmarktökonomie, Einkommen und soziale Sicherheit
© Daiga Ellaby/Unsplash
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