Bis 2030 rund 24.000 Pflegekräfte mehr nötig

26.03.2019

WIFO-Bericht von Ulrike Famira-Mühlberger und Matthias Firgo zum zukünftigen Bedarf an Pflegepersonal

Neben der Frage der künftigen Finanzierung ist die Frage der Sicherstellung ausreichender Personalabdeckung wohl das dringlichste Problem im Pflegebereich. Wie eine Schätzung auf Basis aktueller Projektionen zur Nachfrage nach Pflegedienstleistungen zeigt, werden im Bereich der mobilen und stationären Pflege und Betreuung bis 2030 rund 24.000 und bis 2050 79.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Im Mittelpunkt einer Pflegereform müssen deshalb neben Ausbildungs- und Umschulungsoffensiven Maßnahmen stehen, die den Pflegeberuf attraktiver machen.

In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Zahl der alten Menschen in Österreich sowohl absolut als auch relativ zu jener der Jüngeren stark erhöhen. Dies hat zur Folge, dass die Nachfrage nach professioneller Pflege nicht nur aufgrund des Anstieges der Zahl älterer und sehr alter Menschen zunehmen wird, sondern auch weil das Potential für informelle Pflege durch Angehörige angesichts der Abnahme des Anteils potentieller informeller Pflegepersonen schon allein aus demographischer Sicht sinkt.

Im Jahr 2017 waren rund 63.000 Personen in der stationären und mobilen Altenpflege beschäftigt; unter Berücksichtigung der Teilzeitquote entspricht das 45.000 Vollzeitäquivalenten. Rund 80% der Beschäftigten sind Frauen. Mobile Pflegedienste als auch Pflegeheime berichten aber von Personalmangel, der als häufiges Hindernis zum Ausbau des Angebotes genannt wird.

Das WIFO hat ausgehend von einer Projektion der Nachfrage nach Pflegedienstleistungen im stationären und mobilen Bereich den damit einhergehenden Personalbedarf bis zum Jahr 2050 abgeleitet. Der projizierte Personalbedarf wird ausschließlich aus der Zahl der betreuten Personen abgeleitet, während die Zahl der Leistungsstunden je betreute Person (Pflegeintensität) als unverändert angenommen wird. Da sich mit der Alterung der Bevölkerung auch der durchschnittliche Betreuungsbedarf pro Person erhöhen wird, die Auswirkungen auf die Pflegeintensität jedoch mangels empirischer Befunde unberücksichtigt bleiben müssen, dürfte die vorliegende Berechnung den tatsächlichen Personalbedarf tendenziell unterschätzen. Umgekehrt können technologische Entwicklungen und Robotik im Bereich der medizinischen und pflegerischen Betreuung den Personalbedarf je betreute Person (in einem derzeit nicht abschätzbaren Ausmaß) verringern.

Auf Basis der Nachfrageprojektionen zeichnet sich somit bereits in mittelbarer Zukunft ein starker Anstieg der Nachfrage nach Pflegepersonal ab. Im Jahr 2030 werden (in der mittleren Variante der Projektion) um gut 24.000 Betreuungs- und Pflegepersonen mehr benötigt als 2016 (+39%, +18.000 Vollzeitäquivalente), 2050 sogar um rund 80.000 mehr (+127%, +58.000 Vollzeitäquivalente). Es gilt daher Maßnahmen zu setzen, welche dem in der mobilen und stationären Pflege bereits heute weit verbreiteten Personalmangel entgegenwirken.

Um den steigenden Bedarf an professionellen Pflegepersonen decken zu können, ist eine deutliche Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe notwendig. Wenngleich höhere Einkommen die Attraktivität von Pflegeberufen wesentlich verbessern würden, müssen auch die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Hierzu zählen laut Umfragen bei Pflegekräften eine psychosoziale Begleitung, eine Einschränkung der Zahl der prekären Dienstverhältnisse, eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, der Ausbau des Angebotes an berufsbegleitenden Ausbildungsmöglichkeiten, die Einführung von Lehrberufen im Bereich der Pflege sowie die Förderung der Höherqualifizierung von Personal im Bereich der Heimhilfe und Pflege.
 

Publikationen

WIFO-Monatsberichte, 2019, 92(3), S.149-157
Online seit: 25.03.2019 0:00
 
In Österreich berichten Pflegedienstleister zunehmend über Schwierigkeiten, Pflegepersonal für mobile und stationäre Dienste zu finden. Neben der Frage der künftigen Finanzierung ist die Frage der Sicherstellung ausreichender Personalabdeckung wohl das dringlichste Problem im Pflegebereich. Wie eine Schätzung auf Basis aktueller Projektionen zur Nachfrage nach Pflegedienstleistungen zeigt, werden im Bereich der mobilen und stationären Pflege und Betreuung bis 2030 rund 24.000 (Vollzeitäquivalente: 18.000) und bis 2050 79.000 (Vollzeitäquivalente: 58.000) zusätzliche Pflegekräfte benötigt (Stand 2016: 63.000 bzw. 45.000 Vollzeitäquivalente). Im Mittelpunkt einer Pflegereform müssen deshalb neben Ausbildungs- und Umschulungsoffensiven Maßnahmen stehen, die den Pflegeberuf attraktiver machen.
Monographien, Dezember 2018, 113 Seiten
Auftraggeber: Hilfswerk Österreich
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 17.12.2018 11:59
 
Der vorliegende Bericht beleuchtet die derzeitige und künftige ökonomische Bedeutung mobiler Pflege- und Betreuungsdienste in Österreich vor dem Hintergrund des bevorstehenden demographischen Wandels und möglicher politischer Maßnahmen zur Veränderung des Versorgungsmix in der formellen Pflege. Die Studie zeigt einerseits den Status quo mobiler Dienste im nationalen und internationalen Kontext auf und gibt analog zu einer Reihe von weiteren rezenten WIFO-Studien Einblick in den projizierten, österreichweiten Leistungsumfang mobiler Dienste und der Pflegedienste insgesamt bis zum Jahr 2050. Darauf aufbauend wird versucht, in vier Politikszenarien (Verschiebung des Versorgungsmix zugunsten der stationären Pflege, der 24-Stunden-Betreuung und der mobilen Dienste, relative Erhöhung des Potentials für informelle Pflege) die Effekte möglicher Maßnahmen zu quantifizieren, die die Bedeutung der jeweiligen Pflegeformen in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen. Eine Reihe von evidenzbasierten Schlussfolgerungen und Argumenten zeigt abschließend die Bedeutung mobiler Dienste als integraler Bestandteil eines effektiven Pflegesystems auf.
Rückfragen an

Priv.-Doz. Dr. Ulrike Famira-Mühlberger, PhD

Forschungsbereiche: Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit

Mag. Dr. Matthias Firgo

Forschungsbereiche: Strukturwandel und Regionalentwicklung
© Elien Dumon/Unsplash
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