20.05.2025

WIFO-Mitbegründerin Helene Lieser

Pionierin promovierte als erste Frau in Staatswissenschaften an der Universität Wien und war mit hoher Wahrscheinlichkeit Gustav Klimts "Fräulein Lieser"
Im Herbst 1926 unterstützte Helene Lieser als Teil des Proponentenkomitees die Gründung des "Österreichischen Instituts für Konjunkturforschung", des heutigen WIFO, dem sie bis 1937 verbunden blieb. Der Große Sitzungssaal des WIFO trägt seit 2024 den Namen Helene-Lieser-Saal.

Helene Lieser wurde am 16. Dezember 1898 in Wien als Tochter des Textilfabrikanten Julius Lieser und dessen Frau Henriette Amalie "Lilly" Lieser geboren. 1916 bestand sie die Matura mit Auszeichnung und begann ein Philosophiestudium, wechselte aber 1919 an die Rechts- und Staatswirtschaftliche Fakultät. Dort reichte sie 1920 ihre Dissertation "Die währungspolitische Literatur der österreichischen Bankozettelperiode" bei Othmar Spann und Ludwig Mises ein. Helene Lieser war nicht nur die erste Frau, die an der Wiener Universität zum Dr. rer. pol. promoviert wurde, sie legte die erste Wiener staatswissenschaftliche Dissertation überhaupt vor. Danach arbeitete sie beim "Verband österreichischer Banken und Bankiers" und war Mitglied der "Nationalökonomischen Gesellschaft" (bis zu ihrem Ausschluss 1938).

Im Herbst 1926 unterstützte sie als Teil des Proponentenkomitees die Gründung des "Österreichischen Instituts für Konjunkturforschung", an dem sie bis 1937 sowohl im Kuratorium als auch im Ausschuss aktiv mitwirkte und dessen Sitzungen sie als Sekretärin des Verbands österreichischer Banken und Bankiers regelmäßig besuchte.

Obwohl sie 1921 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten war, musste sie 1938 emigrieren. Durch eine Scheinehe erhielt sie die jugoslawische Staatsbürgerschaft unter dem Namen Berger. Während es Helene Lieser gelang, nach Genf zu fliehen, wurden ihre Mutter und ihr Onkel in Konzentrationslagern ermordet. In der Schweiz arbeitete sie wieder mit Mises zusammen, engagierte sich für von Nationalsozialisten Verfolgte und arbeitete im Umfeld der Spionagegruppe "Rote Kapelle" für den sowjetischen und später für den britischen Geheimdienst.

Nach dem Krieg ging sie nach Paris, wo sie bei internationalen Organisationen wie der "Organisation for Economic Co-operation and Development" (OEEC) oder der "United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization" (UNESCO) tätig war.

Kurz nach ihrer Pensionierung starb Helene Berger-Lieser am 20. September 1962 in Wien.

In einem WIFO Reserach Seminar vom 27. November 2024 sprachen Rahim Taghizadegan (scholarium) und Herbert Unterköfler über Werk und Biografie der Ökonomin Helene Lieser.

Gustav Klimt – Porträt "Fräulein Lieser" (1917), unvollendet

Anfang 2024 tauchte ein viele Jahre lang verschollenes Klimt-Werk in Wien auf und wurde am 24. April 2024 um mehr als 30 Mio. € nach Hongkong verkauft. Recherchen zu seiner Provenienz ergaben, dass es sich bei der Abgebildeten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit um Helene Lieser-Berger handeln könnte.

Belegt ist, dass der Auftrag für das Porträt von einem Mitglied der österreichischen Industriellenfamilie Lieser erteilt und von Klimt nicht vollendet und auch nicht signiert wurde; es gehörte zu seinen letzten Werken. Nach seinem Tod im Februar 1918 gelangte das Gemälde aus seinem Nachlass an die auftraggebende Familie, wobei nicht einwandfrei geklärt ist, um welchen Familienzweig es sich handelte.

Die bislang einzige bekannte Aufnahme des Porträts aus 1925 verweist auf den "Besitz von Frau Lieser" – aufgrund der übereinstimmenden Adresse wird davon ausgegangen, dass damit die Mutter von Helene und Annie, Henriette Amalie "Lilly" Lieser gemeint ist, eine bekannte Kunstmäzenin der damaligen Zeit.

Daraus leitet sich nach aktuellen Recherchen ab, dass vermutlich sie das Porträt beauftragt hat, das mit höherer Wahrscheinlichkeit eine ihrer beiden Töchter zeigt als ihre Nichte Margarethe Constance Lieser, von der man in den 1980er-Jahren vermutet hatte, dass sie das Modell gewesen wäre.

Die jüngere Tochter von Lilly Lieser, Annie, scheidet wegen ihrer grauen Augenfarbe aus, denn die porträtierte junge Frau hat braune Augen – so wie die ältere Tochter Helene, damals etwa 19 Jahre alt, deren Foto als etwa 60-Jährige gewisse Ähnlichkeiten mit dem mittels KI-basierter Alterung bearbeiteten Porträtausschnitt aufweist.

Ein noch stärkeres Indiz zeigt sich bei dem mit der Fotobearbeitungsanwendung Face App künstlich verjüngten Foto: Hier ist klar eine kleine Pigmentstörung an der rechten Augenbraue erkennbar, die sich an derselben Stelle auch bei der Frau im Klimt-Gemälde wiederfindet.

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