Österreich und Schweiz – Erfahrungen mit und ohne EU-Mitgliedschaft
WIFO-Monatsberichte, 2005, 78(10), S.681-714
 
Österreich und die Schweiz haben unterschiedliche Strategien der europäischen Integration gewählt: Österreich nimmt als Mitglied der EU (1995) seit 1999 auch an der Wirtschafts- und Währungsunion teil. Die Schweiz schlug hingegen nach der Ablehnung des EWR-Abkommens 1992 den Weg der bilateralen Annäherung an die EU ein und ist heute mit der EU über zwei bilaterale Abkommen in den wesentlichen ökonomischen Integrationsfeldern verbunden. Österreich kann – ein Vorteil der vollen ökonomischen Integration – die potentiellen Integrationseffekte des Binnenmarktes und der Währungsunion ausschöpfen, unterliegt allerdings als EU- und Euro-Land den damit verbundenen wirtschaftspolitischen Zwängen. Überdies ist ein reiches EU-Land in der Regel Nettozahler in den EU-Haushalt. Insgesamt fällt die Bilanz nach zehn Jahren EU-Mitgliedschaft für Österreich positiv aus: Im Durchschnitt dürfte das BIP um bis zu ½ Prozentpunkt pro Jahr rascher gewachsen sein als ohne EU-Integration. Die Schweiz bezog durch die verzögerte und nur partielle Teilnahme am europäischen Binnenmarkt nur vereinzelt Vorteile aus dieser Form der Annäherung an die EU. Der Bilateralismus erlaubt allerdings, im Rahmen von sektoriellen Abkommen nur jene Integrationspunkte zu verhandeln, die im nationalen Interesse sind. Die Schweiz entgeht zum einen dem Nachteil der Nettozahler ins EU-Budget und kann zum anderen weiterhin eine eigenständige Wirtschaftspolitik betreiben. Per Saldo dürfte die Schweiz im letzten Jahrzehnt Wohlfahrtseinbußen erlitten haben.
Forschungsbereich:Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik
Sprache:Deutsch

Austria and Switzerland – Experience With and Without EU Membership
Austria and Switzerland have chosen to follow entirely different paths towards European integration: Austria, joining the EU in 1995, became a member of the Economic and Monetary Union in 1999. Switzerland, on the other hand, rejected the EEA treaty in 1992 and opted for a strategy of bilateral approach to the EU, with the result that today it is linked to the EU in key areas of economic integration. Austria, utilising its position of full economic integration, is able to exploit the potential integration effects of the single market and euro zone, but, being a full-fledged EU and euro member, is subject to the economic policy constraints connected with such membership. Moreover, rich EU countries tend to be net contributors to the EU budget. Altogether, after ten years of EU membership, Austria comes out on the positive side: its GDP appears to have grown by up to ½ percentage point p.a. more rapidly on average than might have been the case without EU integration. Switzerland, through its tardy and partial participation in the EU's internal market, gained only a few advantages from this type of approach to the EU. Nevertheless, its bilateral strategy allows it to pick out, through sectoral treaties, only those integration aspects that are in its national interest. In this way, Switzerland evades the disadvantage of being a net contributor to the EU budget and is able to continue pursuing its own economic policy. Still, on balance Switzerland appears to have suffered from welfare losses over the last decade.