Schleppende Konjunkturerholung: Arbeitslosigkeit droht sich zu verfestigen

11.09.2020

WIFO-Konjunkturbericht September 2020

Der Konjunktureinbruch erfasste in der EU im II. Quartal alle Nachfragekomponenten; im Vereinigten Königreich, in Frankreich und Italien war der private Konsum überdurchschnittlich stark betroffen. In Österreich lag die Wirtschaftsleistung im II. Quartal um ein Achtel unter dem Vorjahresniveau, die Einbußen waren damit geringer als im EU-Durchschnitt.

"Die krisenbedingte Arbeitslosigkeit wurde erst zu gut einem Drittel abgebaut. Daher verfestigt sie sich, seit dem Frühjahr 2020 nahm die Langzeitbeschäftigungslosigkeit markant zu. Diese Entwicklung ist besorgniserregend, zumal die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen bereits nahe ihrem Höchstwert von 2016 liegt und die Krise noch nicht überwunden ist", so der Autor des aktuellen WIFO-Konjunkturberichtes Stefan Schiman.

Der Tourismus litt weniger als in Italien oder Spanien; die Nächtigungsentwicklung der deutschen und einheimischen Gäste dämpfte den Nachfragerückgang im Juli. Erst gut ein Drittel der krisenbedingten Arbeitslosigkeit wurde bisher abgebaut. Daher nahm die Langzeitbeschäftigungslosigkeit zuletzt weiter zu.

Die Notenbank der USA richtet ihre geldpolitischen Ziele neu aus. Das Inflationsziel von 2% wird nicht mehr als Obergrenze gesehen, sondern als Durchschnittswert, sodass nach einer Periode mit unterdurchschnittlichem Preisauftrieb Werte über 2% zulässig sind. Anders als die EZB verfolgt die Fed zudem ein Beschäftigungsziel. Dieses tritt in Zukunft gegenüber dem Inflationsziel stärker in den Vordergrund, wenn die Arbeitslosigkeit steigt; es wird also asymmetrisch ausgelegt.

Nachdem die Veröffentlichung der BIP-Werte im August den empfindlichen Konjunktureinbruch in den EU-Ländern im II. Quartal dokumentierte, zeigen nun die Details, dass er alle Nachfragekomponenten betraf. Lediglich in Deutschland und Spanien milderte die öffentliche Konsumnachfrage die negative Entwicklung etwas. In Spanien und Italien knickten aufgrund der großen Bedeutung des Tourismus die Dienstleistungsexporte besonders drastisch ein, während im Vereinigten Königreich sowie in Frankreich und Italien der private Konsum übermäßig stark zurückging.

In Österreich waren das Ausmaß und die Zusammensetzung des BIP-Rückganges im II. Quartal ähnlich wie in Deutschland. Die Wirtschaftsleistung sank gegenüber dem Vorjahr um ein Achtel, der private Konsum und die Bruttoinvestitionen um etwas mehr. Stabilisierend wirkte der öffentliche Konsum, während die Exporte um knapp ein Fünftel einbrachen. Anders als in Deutschland (Geschäftserwartungen laut ifo-Index) erhöhte sich der Indikator der Konjunkturerwartungen der Unternehmen in Österreich im August nicht weiter. Hingegen verbesserte sich das Konjunkturklima, das neben den Erwartungen auch die aktuelle Lage wiedergibt. Allerdings berichteten wieder mehr Unternehmen über eine Verschlechterung der Kreditbedingungen.

Die Zahl der Übernachtungen blieb im Juli um 17,4% unter dem Vorjahreswert. Gedämpft wurde der Rückgang im Sommertourismus durch die nur wenig rückläufige Nachfrage aus Deutschland (–4,3%) und die kräftige Ausweitung der Nächtigungen inländischer Gäste (+15,2%). Das Ausbleiben anderer internationaler Gäste traf vor allem den Städtetourismus; Wien verzeichnete um knapp drei Viertel weniger Übernachtungen als im Vorjahr.

Dem Nachfrageausfall entsprechend stagnierten in der Beherbergung im Juli die Preise, nachdem sie in den letzten Jahren angezogen hatten. In der Gastronomie stiegen die Preise hingegen wieder zügig. Zudem trugen Wohnen und Nahrungsmittel zum Preisauftrieb von insgesamt 1,7% im Juli bei.

Der Rückgang der Arbeitslosigkeit setzte sich im August fort. Bislang wurde gut ein Drittel des krisenbedingten Anstieges wettgemacht. Wegen des nur langsamen Abbaus der Arbeitslosigkeit besteht die Gefahr der zunehmenden Verfestigung. Seit dem Frühjahr steigt die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen. Im August war sie bereits um ein Viertel höher als im Vorjahr und erreichte mit 121.100 fast den Höchstwert aus dem Jahr 2016.

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Stefan Schiman, MSc

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik
© Kelly Sikkema/Unsplash
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