Pflegevorsorge in den Gemeinden

20.08.2020

WIFO-Studie ortet Koordinierungsdefizit zwischen Bund, Ländern und Gemeinden

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) hat im Auftrag des größten privaten Pflegeheimbetreibers SeneCura und in Kooperation mit dem Österreichischen Gemeindebund in einer Studie die Bedürfnisse, Anliegen und Herausforderungen der Pflegeversorgung in den Gemeinden erhoben, analysiert und daraus Empfehlungen abgeleitet.

Die Befragung, an der 649 Gemeinden (und damit 31% der heimischen Gemeinden) teilgenommen haben, hat ergeben, dass aus Sicht der Gemeinden Nachholbedarf bei der Koordination der Pflege besteht. Zum einen durch eine systematische Herangehensweise, um Informationen über den gegenwärtigen und künftigen Pflegebedarf der lokalen Bevölkerung zu erheben. Und zum anderen auch, um den Bewohnerinnen und Bewohnern der Gemeinde kompetente wohnortnahe Information und Beratung bieten zu können. Hier wird von den Gemeindevertreterinnen und ‑vertretern ein großes Defizit diagnostiziert. Als Lösung findet vor allem die Etablierung von regionalen Pflegeinformationsstellen über alle Bundesländer hinweg großen Zuspruch. Diese würden einerseits eine Anlaufstelle zur umfassenden Beratung und Information rund um das Thema Altern und Pflege bieten und könnten andererseits auch die Entwicklung des regionalen Pflegebedarfs verfolgen und besser prognostizieren. Die Verbesserung der Bedarfsplanung für Pflegedienstleistungen sehen 64% (Tirol) bis 88% (Salzburg) der Gemeinden als wichtige mittelfristige Herausforderung an.

Die Mehrheit der Gemeinden scheint derzeit keine systematischen Herangehensweisen zu verfolgen, um Informationen über den gegenwärtigen und künftigen Pflegebedarf der lokalen Bevölkerung zu erheben. Das ist in zweierlei Hinsicht problematisch: Zum einen brauchen die Pflegebedürftigen und ihre Familien auf regionaler Ebene Ansprechpersonen, die über die Pflegeunterstützungsmöglichkeiten in einer Region Bescheid wissen. Zum anderen kann die Information über die regionalen Pflegebedürfnisse verwendet werden, um das Angebot an Pflegedienstleistungen dementsprechend anzupassen", fasst Studienleiterin Ulrike Famira-Mühlberger, stellvertretende Leiterin des Österreichischen Institutes für Wirtschaftsforschung (WIFO), die Ergebnisse zusammen.

Eine wesentliche Herausforderung für die Pflegevorsorge in Österreich ist laut der Studie die äußerst komplexe Finanzierungsstruktur mit hoher Verflechtung zwischen den Gebietskörperschaften. "Finanzierungs- und Aufgabenverantwortung sind zwischen unterschiedlichen Gebietskörperschaften verteilt – zumeist ohne gemeinsame Steuerung, sodass es zu Fehlanreizen und Ineffizienzen kommt. Während die Auszahlung des Pflegegelds in die Kompetenz des Bundes fällt, werden Pflegedienstleistungen vorwiegend von Ländern und Gemeinden finanziert", erläutert der WIFO-Leiter Christoph Badelt. 67% der Gemeinden bemängeln laut der Gemeinde-Umfrage von Ende 2019, dass aus ihrer Sicht beim Thema Pflege-Organisation und -Finanzierung bisher nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der kommunalen Ebene Rücksicht genommen wurde.

Den vollständigen Pressetext zur Studienpräsentation finden Sie bitte hier.
Eine Videoaufzeichnung der Pressekonferenz ist hier abrufbar.

Publikationen

Pflegevorsorge in Gemeinden (Long-term Care in Municipalities)
Monographien, Juni 2020, 76 Seiten
Auftraggeber: SeneCura Kliniken- und HeimebetriebsgmbH – Österreichischer Gemeindebund
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 20.08.2020 9:00
 
Aufgrund der demographischen Entwicklung steht die Organisation der Pflegevorsorge in den Gemeinden vor großen Herausforderungen. Auf Basis einer Befragung von Gemeinden präsentiert die vorliegende Studie die aktuelle Situation der Pflegeversorgung in den Gemeinden und einen Ausblick auf die Zukunft aus Gemeindesicht, um daraus pflegepolitische Handlungsspielräume abzustecken. Die Gemeinden profitieren demnach aus den Bedarfs- und Entwicklungsplänen der Länder nur wenig, obwohl sie die Entwicklung von regionalen Bedarfs- und Entwicklungsplänen befürworten. Zuspruch findet auch die Etablierung von regionalen Pflegeinformationsstellen mit Monitoringfunktion. Der regionale Ausbau des Pflegeversorgungssystems muss systematisch erfolgen, da sich auch nach Sicht der Gemeinden das Pflegepotential der Familie künftig verringern und die Nachfrage nach Pflegedienstleistungen steigen wird. Gemeinden setzen auf den Ausbau aller Arten von Pflegedienstleistungen mit Schwerpunkt auf dem Ausbau von betreutem oder betreubarem Wohnen und mobilen Diensten, aber auch von stationären und teilstationären Diensten (mit deutlichen Unterschieden zwischen den Bundesländern). Der zu erwartende Anstieg der Nachfrage nach stationärer Pflege kann durch den Ausbau und die Förderung von Alternativen verzögert und abgeschwächt, jedoch nicht verhindert werden. Die Gemeinden sehen – neben der Finanzierungsfrage – im drohenden Arbeitskräftemangel im Pflegesektor eine wesentliche Herausforderung für die Zukunft.
Rückfragen an

Priv.-Doz. Dr. Ulrike Famira-Mühlberger, PhD

Forschungsbereiche: Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit
Markus Schwarz (COO SeneCura), Christoph Badelt (WIFO-Leiter), Ulrike Famira-Mühlberger (WIFO-Studienleiterin), Alfred Riedl (Präsident des Österreichischen Gemeindebundes) © SeneCura Kliniken- und HeimebetriebsgmbH/APA-Fotoservice/Schedl
Markus Schwarz (COO SeneCura), Christoph Badelt (WIFO-Leiter), Ulrike Famira-Mühlberger (WIFO-Studienleiterin), Alfred Riedl (Präsident des Österreichischen Gemeindebundes) © SeneCura Kliniken- und HeimebetriebsgmbH/APA-Fotoservice/Schedl