Gallup-WIFO-Meinungscheck offenbart Pensionsmythen

20.02.2020

Einschätzung der Bevölkerung zum Alterssicherungssystem weicht teils deutlich von vergangener und prognostizierter Faktenlage ab

"Der Gallup-WIFO-Meinungscheck zeigt, dass sich die Bevölkerung bei der vergangenen und prognostizierten Faktenlage zum österreichischen Pensionssystem teils deutlich verschätzt", erklärten WIFO-Leiter Christoph Badelt und Gallup-Gesellschafterin Andrea Fronaschütz im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz am 20. Februar 2020 im Wiener Presseclub Concordia.

"Bei der Rückschau auf die vergangenen vier Jahrzehnte liegt die Bevölkerung vor allem bei der Entwicklung des Pensionsantrittsalters, der Lohn- und Pensionsdynamik und der Kaufkraft daneben", so die WIFO-Pensionsexpertin Christine Mayrhuber. "Im Blick nach vorne bis 2060 klaf­fen Meinung und Prognose etwa beim Anstieg des tatsächlichen Pensionsantrittsalters deutlich auseinander – besonders pessimistisch wird der monetären Entwicklung entgegengeblickt. Die Befürchtung starker Preissteigerungen ist weit verbreitet", ergänzte der WIFO-Prognoseverant­wortliche Stefan Schiman.

Weitaus höher lag die Trefferquote beim Gallup-WIFO-Meinungscheck bei der gegenwärtigen Pensionshöhe sowie dem aktuellen tatsächlichen Antrittsalter. Auch die zukünftige Entwicklung der Zahl der Pensionistinnen und Pensionisten und die prognostizierte Finanzierbarkeit ist zu ei­nem großen Teil mit den WIFO-Berechnungen kompatibel.

62% der Befragten sind der Meinung, dass das gesetzliche Pensionsantrittsalter für Männer in den vergangenen 40 Jahren gestiegen ist, einen Anstieg bei Frauen vermuten 60%. Im Durch­schnitt nehmen die Befragten einen Anstieg von +3,6 Jahren bei den Männern und +3,3 Jahren bei den Frauen an. Die Wahrnehmung zum Ausmaß der Zunahme des gesetzlichen Antrittsal­ters ist offensichtlich stark von der medialen Präsenz des Themas und den gestiegenen Alters­grenzen bei den vorzeitigen Alterspensionen geprägt, das Regelpensionsalter (60 Jahre bei Frauen, 65 Jahre bei Männern) hat sich in den letzten vier Jahrzehnten nicht verändert.

Ein Fünftel der Bevölkerung geht von einer Stagnation und ein weiteres Fünftel sogar von einem Sinken der durchschnittlichen Alterspension in den letzten vier Jahrzehnten aus. Nur 6% sagen, dass es einen starken Anstieg gegeben hat. Etwas weniger als die Hälfte (46%) meint, dass die Pensionen "etwas" gestiegen sind. Tatsächlich ist die Alterspension, sie lag 2018 bei 1.324 € brutto im Monat, zwischen 1978 und 2018 real um 1,3% pro Jahr gestiegen.

Für die Hälfte der Bevölkerung ist der Lebensstandard für Erwerbstätige in den letzten 40 Jahren besser geworden (15% viel besser, 35% etwas besser), für 19% ist er gleichgeblieben und für 28% sogar schlechter geworden. Was den Lebensstandard von Pensionistinnen und Pensionisten betrifft, gehen 34% der Befragten von einer Verschlechterung und 21% von einer Stagnation aus, 41% nehmen hingegen einen Anstieg wahr.

Werden die menschlichen Grundbedürfnisse (Wohnen, Ernährung, Gesundheit und Bildung) zur Beurteilung herangezogen, zeigt sich ein in den letzten 40 Jahren deutlich gestiegener Lebens­standard. Alleine in den vergangenen drei Jahrzehnten stieg die Wohnfläche pro Person etwa um 18 m² auf durchschnittlich 55 m². Gemäß Konsumerhebung 1993 verwendeten die Haus­halte 25% ihres Einkommens für Lebensmittel und Bekleidung, 2015 waren es nur noch 19%. Zu­dem stieg in den vergangenen 40 Jahren die Lebenserwartung, und damit die Restlebenser­wartung z. B. für 65-jährige Männer um 5,8 auf 18,3 Jahre und für Frauen um 5,6 auf 21,1 Jahre, an. Auch die Bildungsstruktur der Wohnbevölkerung veränderte sich: Hatten 1971 noch 57,8% der 25- bis 64-Jährigen die Pflichtschule als höchsten Bildungsabschluss, beträgt dieser Anteil jetzt nur noch 18,0%, 15,2% besitzen einen Hochschulabschluss, 1971 waren es lediglich 2,8%.

Die Österreicherinnen und Österreicher gehen von einem deutlichen Anstieg des tatsächlichen Pensionsantrittsalters in der Zukunft aus. Sie erwarten, dass Männer 2060 im Durchschnitt mit 67,3 Jahren und Frauen mit 64,3 Jahren ihre Pension antreten werden. Der Anstieg des tatsäch­lichen Pensionsantrittsalters wird damit von der Bevölkerung im Vergleich zur langfristigen WIFO-Prognose überschätzt. Erwerbsprognosen ergeben, dass das tatsächliche Pensionsantrittsalter der Männer von aktuell 61,5 Jahre langfristig um bis zu 2 Jahre steigt, jenes der Frauen von 59,4 Jahre um bis zu 4 Jahre.

Auch die bis 2060 prognostizierte Inflation wird von der Bevölkerung überschätzt. Die Mehrheit der Befragten (58%) glaubt, dass die Preise langfristig "stark ansteigen". Das WIFO geht hinge­gen von einem leichten Anstieg von 2% pro Jahr aus, der historisch gut begründet ist. Schließlich lag der Anstieg der Verbraucherpreise seit dem EU-Beitritt im Durchschnitt sogar unter 2% pro Jahr.

Mit dem Gallup-WIFO-Meinungscheck starten das Österreichische Gallup Institut und das Ös­terreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) eine Initiative, um den oftmals emotional und ideologisch erhitzten Diskurs in unserer Gesellschaft zu versachlichen. Bei der gemeinsa­men Untersuchungsreihe wird die Meinung der Bevölkerung zu volkswirtschaftlichen Themen erhoben und evidenzbasierten Informationen gegenübergestellt. Zum Auftakt wurden die Er­gebnisse zum österreichischen Pensionssystem präsentiert. Es folgen Untersuchungen zu den Themen Abgabenquote, Pflegevorsorge sowie Klimapolitik und Ökosteuern.

Weiterführende Presseinformationen stehen Ihnen hier zur Verfügung.

Die Präsentationsunterlagen zur Pressekonferenz einschließlich Graphiken finden Sie hier.
 

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Mag. Christine Mayrhuber

Forschungsbereiche: Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit

Stefan Schiman, MSc

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik
© Johannes Brunnbauer
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