Coronavirus-Pandemie: Potentiell stark negativer Effekt auf Innovationsaktivitäten

06.04.2020

WIFO-Einschätzung von Jürgen Janger und Andreas Reinstaller

Forschungs- und innovationsaktive Unternehmen könnten durch die wirtschaftlichen Effekte der Coronavirus-Pandemie massiv beeinträchtigt werden. Bis zu 30% solcher Unternehmen in Österreich könnten bei längerer Dauer der Krise ihre Produkteinführungen einschränken. Die Forschungsausgaben des Unternehmenssektors könnten um bis zu 300 Mio. € geringer ausfallen.

Um längerfristig wirkende Schäden durch die Coronavirus-Pandemie abzuwenden, sind laut Janger und Reinstaller allgemeine wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Liquiditäts- und Konjunkturstützung als auch die Forcierung bestehender Forschungs- und Entwicklungs- (F&E) sowie Innovationsförderinstrumente notwendig.

Die Innovationsaktivitäten von Unternehmen sind unmittelbar wie auch andere Unternehmensbereiche von der Coronavirus-Pandemie und den zu ihrer Eindämmung gesetzten Maßnahmen betroffen, etwa durch Erkrankung und Betreuungspflichten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie fehlende Reisemöglichkeiten für internationale Kooperationen. Auch Funktionsstörungen globaler Lieferketten können Produktions- und Innovationsaktivitäten solcher Unternehmen empfindlich treffen. Zwei (potentielle) Effekte der Krise treffen innovationsaktive Unternehmen aber besonders: stark zurückgehender Absatz und durch Einnahmenausfälle oder Kreditzurückhaltung entstehende Finanzierungsprobleme.

Innovationsaktivitäten sind in der Regel prozyklisch (siehe für einen Überblick Reinstaller, 2019), weil es meist leichter ist, Produkte auf wachsenden Märkten erfolgreich einzuführen. Innovationsaktivitäten können damit kurzfristige Wachstumseinbrüche verstärken und zu längerfristig anhaltenden Effekten von Krisen beitragen. Das Ausmaß der Verstärkung hängt dabei von Finanzierungsbeschränkungen der Unternehmen ab: Forschung, Entwicklung und Innovation sind meist intangible Aktivitäten, die sich schlecht für die Besicherung von Krediten eignen. F&E-Anstrengungen werden daher oft durch den unternehmensinternen Cash-Flow, der seinerseits vom Absatz abhängt, oder Förderungen finanziert.

Die Coronavirus-Pandemie führt zu derzeit stark sinkenden Absatzperspektiven und damit potentiell auch zu einer Reduktion von Innovationsaktivitäten. Aktuell herrscht zudem überaus große Unsicherheit, Gift für alle langfristig angelegten, risikoreichen Innovationsprojekte. Je länger die Krise dauert, umso mehr ist mit einer quantitativen und qualitativen Veränderung von Innovationsaktivitäten zu rechnen, die eine schnelle Erholung nach der Krise beeinträchtigen können.

Beruhend auf den aktuellen Ergebnissen des WIFO-Konjunkturtests könnten über 20% der innovationsaktiven Unternehmen in der Sachgütererzeugung gegenüber einem Szenario ohne Krise auf Produkteinführungen verzichten (Schwankungsbreite je nach Szenario zwischen 10% und 38%). Diese Größenordnung setzt sich aus der Verschlechterung der Einschätzung der Geschäftslage (7% der Unternehmen würden deshalb auf Produkteinführungen verzichten) und der Rücknahme von Ausgaben für Produkteinführungen (13%) zusammen. Schränken Banken ihre Kreditvergabe ein, so könnte sich der Effekt der Rücknahme von Ausgaben für Produkteinführungen noch verstärken.

Teils wirken diesem Trend kurzfristig eine Beharrungstendenz bei Unternehmen zur Weiterführung von Innovationsaktivitäten sowie Brancheneffekte wie etwa steigende Nachfrage nach neuen Medikamenten oder medizinischen Geräten entgegen. Andererseits spiegeln sich die Effekte der Coronavirus-Pandemie noch nicht in vollem Umfang in der aktuellen WIFO-Konjunkturumfrage wider, da diese erst in der zweiten Märzhälfte begonnen hat in Österreich ihre Auswirkungen zu entfalten. Die geschätzten Effekte könnten daher noch markanter ausfallen und an der oberen Grenze der Schätzungen liegen. Besonders betroffen ist der Maschinenbau und die metallverarbeitende Industrie. Diese Resultate beschränken sich auf Unternehmen der Sachgütererzeugung und auf Produkteinführungen, Innovationsaktivitäten wie neue Prozesse, um effizienter zu werden, werden hier nicht abgebildet.

Die F&E-Ausgaben des Unternehmenssektors 2020 dürften einer ersten Schätzung zufolge nur mehr um 1,8% wachsen, was einem Rückgang gegenüber dem Jahr 2019 um 3,4 Prozentpunkte oder rund 211 Mio. € entspricht, wenn man das WIFO-Konjunkturszenario vom März 2020 unterstellt. Sollte die Krise jedoch eher den Verlauf des Konjunktureinbruchs in den Jahren 2008 und 2009 nehmen, so könnte der Rückgang bis zu 4,5 Prozentpunkte oder etwas über 300 Mio. € betragen. Da sich das Wachstum der F&E-Ausgaben des Unternehmenssektors bereits nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 gegenüber dem Zeitraum 2000/2007 deutlich eingedämmt hat, könnte der derzeitige Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität die Dynamik der F&E-Ausgaben noch weiter dämpfen, was sich negativ auf das langfristige Wachstum der österreichischen Volkswirtschaft auswirken kann.

Diese Einschätzungen unterstreichen die Notwendigkeit wirtschafts- und innovationspolitischer Stützungsmaßnahmen, die sowohl operativ etwa die Unternehmensliquidität stützen, die allgemeine Unsicherheit reduzieren und spezifisch Innovationsanstrengungen weiter unterstützen. Eine möglichst uneingeschränkte Weiterführung – so logistisch etwa durch Homeoffice möglich – der bestehenden Forschungs- und Innovationsförderinstrumente könnte sehr hilfreich sein, etwa um Einreichfristen für Ausschreibungen zu verlängern, Förderzusagen hingegen rechtzeitig und unbürokratisch zu erteilen. Dies trifft sowohl etwa für direkte Förderungen der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), als auch auf die Forschungsprämie zu. Bei beiden könnten schnelle und fristgerechte Auszahlungen dazu beitragen, die Situation innovationsaktiver Unternehmen zu stabilisieren und Innovationsaktivitäten auch nach der Krise ungebremst fortzuführen, um eine schnelle Erholung zu ermöglichen.
 

Publikationen

Produkteinführungen österreichischer Unternehmen und Konjunkturschwankungen (Product Launches of Austrian Enterprises Over the Business Cycle)
WIFO-Monatsberichte, 2019, 92(3), S.173-182
Online seit: 25.03.2019 0:00
 
Die im Rahmen des WIFO-Konjunkturtests erhobenen Daten zu Produkteinführungen von Unternehmen in der österreichischen Sachgütererzeugung, die hier erstmals präsentiert werden, erlauben eine Analyse der Anpassung des Unternehmensverhaltens bei der Einführung neuer Produkte an die Konjunkturlage. Demnach schwankt die Wahrscheinlichkeit, neue Produkte auf dem Markt einzuführen, prozyklisch und die Zahl der eingeführten Produkte antizyklisch. Unternehmen versuchen, ihre Aufwendungen für Produktinnovationen über die Zeit konstant zu halten. Bei der Einführung neuer Produkte steigt der Finanzierungsbedarf: Der Zeitpunkt der Aufnahme neuer Bankkredite korreliert positiv mit dem der Einführung neuer Produkte. Finanzierungsbeschränkungen wirken sich negativ auf die Einführung neuer Produkte aus.
Rückfragen an

Mag. Dr. Jürgen Janger, MSc

Funktion: Ökonom (Senior Economist), Stellvertretender Leiter
Forschungsbereiche: Industrieökonomie, Innovation und internationaler Wettbewerb

Mag. Dr. Andreas Reinstaller

Forschungsbereiche: Industrieökonomie, Innovation und internationaler Wettbewerb
© Johannes Plenio/Unsplash
© Johannes Plenio/Unsplash