Altenpflege: Finanzbedarf und Finanzierung

05.04.2019

WIFO-Ökonomin Famira-Mühlberger sprach beim Geriatriegipfel der Ärztekammer Wien

Eine alternde Gesellschaft, Pflege und Betreuung im Alter und Altern in Würde – diese Themen wurden beim "Ersten Österreichischen Geriatriegipfel" der Ärztekammer Wien am 27. März 2019 diskutiert. WIFO-Ökonomin Ulrike Famira-Mühlberger hielt einen Vortrag über Finanzbedarf und Finanzierung der Altenpflege.

Die kommenden Jahrzehnte bringen laut Famira-Mühlberger eine "doppelte Alterung" der Bevölkerung mit sich. Sowohl die absolute Zahl an alten Menschen in Österreich als auch deren Anteil an der Bevölkerung wird stark steigen. Die Statistik Austria prognostiziert, dass die Zahl an Personen im Alter von 80 Jahren und älter von rund 436.000 im Jahr 2017 auf knapp 1,1 Mio. im Jahr 2050 steigt. Der demographische Wandel führt bereits bis 2030 zu einem markanten Anstieg der Nachfrage und Ausgaben für Pflegedienste.

Der Höhepunkt der Alterung setzt ab den 2040er-Jahren ein. WIFO-Berechnungen zeigen eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Pflegedienstleistungen von 1,9 Mrd. € im Jahr 2016 auf 3,5 Mrd. € bis 2030 und 8,5 Mrd. € bis 2050. Das entspricht einer prozentuellen Steigerung von 335% zwischen 2016 und 2050 bzw. eine durchschnittliche jährliche reale Steigerungsrate von 4,4%. Während der öffentliche Sektor im Jahr 2016 0,6% des BIP für Pflegedienstleistungen ausgegeben hat, wird dieser Anteil bis 2030 auf 0,8% steigen und bis 2050 auf 1,4%. Dennoch weist Österreich im internationalen Vergleich wesentlich geringere relative Ausgaben für Pflege auf. So geben Länder wie die Schweiz, die Niederlande oder die skandinavischen Länder einen wesentlich höheren Anteil des BIP für Pflege aus.

Eine alternde Gesellschaft hat notwendigerweise eine andere öffentliche Ausgabenstruktur als eine nicht-alternde Gesellschaft. Die Ausgaben für Bereiche in denen ältere Menschen stärker repräsentiert sind – wie z. B. Pflege, Pensionen oder Gesundheit – werden in Österreich schon rein aus demographischen Gründen an Bedeutung gewinnen. Eine Pflegeversicherung im Rahmen einer Ausweitung der Sozialversicherung wird kritisch gesehen, da diese Vorgangsweise die Lohnnebenkosten erhöhen würde und die Pflegekosten von einer kleineren Versicherungsgemeinschaft getragen werden müssten. Eine private Pflegeversicherung mit Steuererleichterungen hätte negative verteilungspolitische Auswirkungen und wäre von großen Umstellungsproblemen begleitet, da die Babyboom-Generation nicht mehr das benötigte Kapital ansparen könnte. Die derzeitige Finanzierung der Pflegeausgaben über den allgemeinen Steuertopf ist für Österreich eine gute Lösung, da sie die vergleichsweise geringsten negativen Auswirkungen auf Beschäftigung und Wachstum hat und von einer breiten Versicherungsgemeinschaft getragen ist. Wie die zusätzlichen Kosten durch die gesellschaftliche Alterung getragen werden können, ist vorwiegend eine verteilungspolitische und weniger eine ökonomische Frage.

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Priv.-Doz. Dr. Ulrike Famira-Mühlberger, PhD

Forschungsbereiche: Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit
Foto: Stefan Seelig
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