Pflegekosten steigen bis 2050 rasant

Die öffentlichen Kosten für Pflege- und Betreuungsdienste wachsen auf neun Milliarden Euro an. Die regionalen Unterschiede sind groß.

09.06.2017
Die Pflege wird sowohl für die Sozialpolitik als auch für die öffentlichen Finanzen zu einer immer größeren Herausforderung. Vor allem ab 2030 werden die Kosten mit zunehmender Alterung der Generation der Baby-Boomer rasant zunehmen. Die gute Nachricht für den Staatshaushalt: Die Pflegeausgaben generieren vergleichsweise hohe Einnahmen an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen.
Die öffentlichen Gesamtkosten für Pflege- und Betreuungsdienste, die Länder und Gemeinden zu tragen haben, werden österreichweit bis zum Jahr 2050 um 360 Prozent steigen. Lagen sie im Jahr 2015 bei knapp zwei Milliarden Euro, werden es im Jahr 2050 rund neun Milliarden Euro sein. Die langfristige durchschnittliche Wachstumsrate der Ausgaben liegt bei 4,5 Prozent pro Jahr. In den kommenden Jahren verläuft die Entwicklung dabei noch moderat. Ab dem Jahr 2025 gewinnt die Kostensteigerung aber umso stärker an Dynamik: Zwischen 2025 und 2050 verdreifachen sich die Kosten in nur 25 Jahren.
 
Einer der Hauptgründe für die Entwicklungen liegt in der alternden Bevölkerung: Bis 2050 wird der Anteil der Menschen ab 80 Jahren auf 11,5 Prozent (2015: 5 Prozent) steigen. Ab dem Jahr 2025 erreicht nicht zuletzt die sogenannte Generation der „Baby-Boomer“ diese Altersgruppe. Dass die Menschen mit steigender Lebenserwartung immer mehr Jahre in Gesundheit verbringen und sich der Pflegebedarf zeitlich nach hinten verschiebt, ist einberechnet, dämpft die Kosten aber nur leicht.

Starkes West-Ost-Gefälle

Die Entwicklung verläuft dabei regional unterschiedlich: Sie zeigt ein deutliches West-Ost-Gefälle. Am stärksten steigen die Kosten in Vorarlberg – bis zum Jahr 2050 wachsen sie um 427 Prozent -, es folgen Tirol (plus 424 Prozent) und Oberösterreich (plus 407 Prozent). Vergleichsweise gering ist der zu erwartende Anstieg der Kosten in Wien mit 315 Prozent. Die Gründe dafür: In den westlichen Bundesländern nimmt der Anteil der älteren, pflegebedürftigen Menschen stärker zu. Zudem waren die Versorgungsgrade im Ausgangsjahr der Kostenprojektionen (2015) im Westen höher als in Ostösterreich. In Wien wird die Entwicklung durch die vergleichsweise junge Bevölkerung abgemildert.
 
Neben den Ausgaben für öffentliche Pflege- und Betreuungsdienste steigen auch jene für das Pflegegeld: Die Zahl jener, die Pflegegeld beziehen, wächst von derzeit rund 450.000 Personen auf bis zu 750.000 im Jahr 2050. Die jährlichen Kosten des Pflegegelds steigen damit von 2,5 Milliarden Euro auf 4,2 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von 67 Prozent gegenüber 2015.
 
Pflege lastet schon jetzt 115.000 Jobs aus

Zugleich wird die informelle Pflege – sprich: die Pflege im Familienkreis – in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung verlieren. Derzeit tragen vor allem die Frauen diese Last. Durch die steigende Erwerbsquote der Frauen wird das Potential informeller Pflege abnehmen. Auch leben immer mehr Menschen alleine und haben somit niemanden im Haushalt, der sie pflegen könnte. Der Wegfall dieser familiären Netzwerke hat weitere Auswirkungen: Da die formelle (also professionelle) mobile Pflege zu Hause vor allem bei höherem Betreuungsbedarf häufig nur im Wechselspiel bzw. gemeinsam mit informeller Pflege durch die Familie möglich ist, dürfte die stationäre Pflege in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.
 
Nicht zu vernachlässigen sind jedoch die volkswirtschaftlichen Effekte professioneller Pflege- und Betreuungsdienste: Die öffentlichen und privaten Gesamtausgaben für Pflegedienste von 3,4 Milliarden Euro waren im Jahr 2015 aufgrund von wirtschaftlichen Verflechtungen mit einer Bruttowertschöpfung von 5,9 Milliarden Euro verbunden und lasteten dabei etwa 115.000 Jobs aus. Sie generierten dabei ein Steueraufkommen von 1,1 Milliarden Euro. Zudem wurden 1,3 Milliarden Euro an Sozialversicherungsbeiträgen geleistet. Nur die öffentlichen Ausgaben von Ländern und Gemeinden (1,9 Milliarden Euro) – also ohne private Ausgaben generieren 3,3 Milliarden Euro an Wertschöpfung sowie 66.000 Beschäftigungsverhältnisse, 625 Millionen Euro an Steuereinnahmen und 739 Millionen Euro an Sozialversicherungsbeiträgen.

Öffentliche Aus­gaben für Pflege- und Betreuungsdienste generieren somit ein Steueraufkommen in Höhe von etwa 30 Prozent der Ausgaben und Sozialversicherungsabgaben von etwa 40 Prozent der Ausgaben. Die volkswirtschaftlichen Multiplikatoren des Pflege­sektors sind aufgrund des hohen Anteils von Löhnen und Gehältern an den direkten Aus­gaben und der damit verbundenen direkten Wertschöpfung vergleichsweise hoch.

Um den bevorstehenden Nachfrageanstieg an teuren vollstationären Diensten zu reduzieren bzw. zu verzögern, erscheint es somit notwendig, nicht nur mobile, sondern vor allem auch alternative Pflege- und Betreuungsformen (betreutes und betreubares Wohnen, SeniorInnen-WGs, teilstationäre Dienste und Kapazitäten zur stationären Kurzzeitpflege) auszubauen. Auch der weitere Ausbau der 24-Stunden-Betreuung zu Hause kann – bei Sicherstellung entsprechender Arbeits­bedingungen und Pflegequalität – die Nachfrage nach stationärer Pflege dämpfen. Gleichzeitig muss die Attraktivität von Pflegeberufen deutlich erhöht werden, um dem drohenden Personal­mangel entge­genzuwirken.

Finanzierung sollte überdacht werden
 
Der erwartete Kostenanstieg in der Pflege wird durch die budgetären Beschränkungen der öffentlichen Hand die finanzielle Belastung der pflegebe­dürf­tigen Personen weiter erhöhen. Aus Gründen der fiskalischen Äquivalenz gilt es jedoch das derzeitige System der Finanzierung zu überdenken, damit Pflegebedürftig­keit kein indivi­duelles finanzielles Risiko für die betroffenen Personen und ihre Angehörigen darstellt, son­dern ein allgemeines soziales Risiko. Im Sinne des Leistungsfähigkeitsprinzips bei Personen im Pensionsalter erscheinen vermögensbezogene Steuern (etwa auf Erbschaft oder Schenkung) besonders geeignet, um den künftig erhöhten Bedarf an öffentlichen Geldern für den Pflegesektor gegenzufinanzieren.

Kontakt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Ulrike Famira-Mühlberger

Priv.-Doz. Dr. Ulrike Famira-Mühlberger, PhD

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Matthias Firgo

Mag. Dr. Matthias Firgo

Publikationen

Ulrike Famira-Mühlberger, Matthias Firgo, Oliver Fritz, Gerhard Streicher, Österreich 2025: Pflegevorsorge – Künftiger Finanzierungsaufwand und regionalwirtschaftliche Verflechtungen

Projektpublikationen "Österreich 2025", Juni 2017, 48 Seiten
   
Die öffentlichen Ausgaben für Pflegevorsorge werden, wie aktuelle Projektionen zeigen, bereits bis 2025 kräftig steigen. Unter der Annahme einer gleichbleibenden Betreuungsstruktur ergeben sich jedoch vor allem aufgrund der demographischen Entwicklung insbesondere zwischen 2025 und 2050 drastische Kostensteigerungen. Die Projektionen für das Pflegegeld zeigen bis 2025 gegenüber 2015 einen realen Ausgabenanstieg um etwa 12%, bis 2050 jedoch um 67%. In den von Ländern und Gemeinden finanzierten Pflege- und Betreuungsdiensten erhöhen sich die öffentlichen Ausgaben bis 2025 bereits um knapp 50%, bis 2050 sogar um 360%. Gemäß Schätzungen zu den regionalwirtschaftlichen Verflechtungen der Pflegedienste waren die öffentlichen und privaten Ausgaben für Pflege- und Betreuungsdienste von 3,4 Mrd. € im Jahr 2015 mit direkten, indirekten und induzierten Wertschöpfungseffekten von 5,9 Mrd. € sowie 115.000 Beschäftigungsverhältnissen (bzw. 86.500 Vollzeitäquivalenten) verbunden. Die Gesamtausgaben generieren somit ein Steueraufkommen von rund 1,1 Mrd. € und Sozialversicherungsabgaben von rund 1,3 Mrd. €. Die volkswirtschaftlichen Multiplikatoren des Pflegesektors sind aufgrund des hohen Anteils von Löhnen und Gehältern an den direkten Ausgaben und der damit verbundenen hohen direkten Wertschöpfung vergleichsweise hoch.
 
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 08.06.2017 9:00

Matthias Firgo, Klaus Nowotny, Alexander Braun, Austria 2025 – Informal, Formal, or Both? Assessing the Drivers of Home Care Utilisation in Austria Using a Simultaneous Decision Framework

Projektpublikationen "Österreich 2025", April 2017, 36 Seiten
   
Understanding the relation between different types of long-term care and the determinants of individual choice of long-term care types is fundamental for efficient policy making in times of ageing societies. However, empirical research on this issue has revealed both national and methodological factors as crucial for the policy conclusions drawn. Thus, the purpose of the present paper is twofold: First, at least to our knowledge, it is the first comprehensive assessment of this kind for Austria. Second, it extends the scarce literature explicitly focusing on the combined use of informal and formal care in addition to the exclusive use of these services based on an econometric framework accounting for the simultaneity and interdependencies in these types of long-term care. Our results provide strong evidence for a task-specific and complementary relation of formal and informal home care in Austria, with the health status and functional limitations as the main determinants of individual choice.
 
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 12.04.2017 0:00
Mit der steigenden Lebenserwartung verbringen die Österreicherinnen und Österreicher zwar auch mehr Jahre in Gesundheit. Der Pflegebedarf wird dennoch stark anwachsen.
Mit der steigenden Lebenserwartung verbringen die Österreicherinnen und Österreicher zwar auch mehr Jahre in Gesundheit. Der Pflegebedarf wird dennoch stark anwachsen.
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